Rosa Lyon – Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht
Rosa Lyon – Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht

Rosa Lyon – Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht

„Wer das Geld hat, ändert die Regeln“ – Rosa Lyons Analyse zur finanziellen Ungleichheit

Wir leben in einer Gesellschaft, die glaubt, dass Leistungsbereitschaft und Talent die soziale Position bestimmen. Ist diese Annahme ein Grundpfeiler des Kapitalismus – oder ein schöner Mythos? Dieser herausfordernden Frage stellt sich die studierte Ökonomin und Journalistin Rosa Lyon in ihrem umfassenden Sachbuch Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht.

Lyon nimmt die Leser*innen auf eine analytische Reise mit, deren Ausgangspunkt die Erkenntnis ist, dass Ungleichheit weit mehr umfasst als nur das Einkommen. Sie ist ein mehrdimensionales Phänomen, das Vermögen, Konsum, Gesundheit, Lebenschancen und politischen Einfluss gleichermaßen durchdringt. Die Autorin schafft es, die hitzige Debatte, um “Oben und Unten” zu entemotionalisieren, indem sie eine nüchterne, historisch und wissenschaftlich fundierte Perspektive einnimmt.

Ein Blick hinter die Kulissen der Meritokratie

Im Kern demontiert Lyon die Illusion der reinen Meritokratie. Sie stellt heraus, dass die Realität von der Lotterie der Geburt bestimmt wird: Weit wichtiger als individuelle Anstrengungen ist das vererbte soziale, kulturelle und ökonomische Kapital. Wer in Österreich oder Deutschland – die im europäischen Vergleich eine extrem hohe Vermögensungleichheit aufweisen – in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird, hat einen immensen, strukturell verankerten Vorteil. Als schockierend erweist sich die Statistik, die Lyon präsentiert: Während Kinder von Akademiker*innen mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent an einer Universität studieren werden, liegt diese bei Kindern mit Hauptschulabschluss der Eltern bei unter fünf Prozent.

Das Buch ist besonders stark, weil es die vielfältigen, oft unterschätzten Dimensionen der Ungleichheit beleuchtet. Lyon zeigt auf, wie sich ökonomische Ungleichheit auf die Lebensdauer, die Bildung und sogar auf das Klima auswirkt. Sie deckt auf, dass die Fähigkeit, unternehmerisches Risiko einzugehen, Kreativität zu entfalten oder in die eigene Bildung zu investieren, direkt vom gesicherten Überleben abhängt: „Doch wer Hunger hat, geht kaum unternehmerisches Risiko ein, entfaltet seine Kreativität nicht, investiert nicht in seine Bildung und trägt ungleich weniger zur Gesellschaft bei als jemand, der satt ist und seine Talente ausleben kann.“ In diesem Sinne ist Armut eine massiveVerschwendung von Talent.

Macht, Rettungsaktionen und der Mythos vom BIP

Einen Schwerpunkt legt die Autorin auf die Verflechtung von Reichtum, Macht und Politik. Ein immer wiederkehrendes, wichtiges Argument ist, dass das Recht auf Privateigentum, das einst zur Begrenzung der Macht gedacht war, heute strukturell zur Verfestigung von Ungleichheit beiträgt, denn Wer viel Geld hat, ändert die Regeln.“ Die Autorin kritisiert die staatlichen Eingriffe, die in Krisenzeiten die Vermögen der Obersten retten – sei es in der Finanzkrise 2008 oder während der Corona-Pandemie: Hätte man hier nicht den Staat eingeschaltet, sondern auf Marktmechanismen vertraut, hätten diese längst für deutlich mehr Gleichheit gesorgt.“ Der Staat fungiert in diesen Momenten als unbewusster Wahrer der Ungleichheit.

Ebenso aufschlussreich sind die Ausführungen zur Kritik am Bruttoinlandsprodukt (BIP), das Lyon als plutokratische Kennzahl bezeichnet, da es nichts über die Verteilung aussagt und häusliche, reproduktive Arbeit ignoriert. Sie argumentiert, dass sogar Phänomene wie geplante Obsoleszenz (Warum sollen Mobiltelefone nicht zehn Jahre funktionieren?) durch die Fixierung auf das BIP gefördert werden.

Die Kehrseite der wissenschaftlichen Gründlichkeit

Das Buch liefert zweifellos eine Fülle an Denkanstößen und ist wissenschaftlich exzellent fundiert. Es beleuchtet sowohl historische Zusammenhänge wie die Entstehung von Privateigentum, als auch aktuelle Phänomene, wie zum Beispiel die ökonomischen Vorteile von Attraktivität, die käuflich erwerbbar ist. Allerdings liegt in dieser Detailfülle und dem Bestreben, alle Facetten abzuhandeln, auch eine Schwäche. Stellenweise ist die Lektüre etwas anstrengend. Die Argumentation wiederholt sich und man bekommt beim Lesen häufiger das Gefühl, das Buch steuere nicht stringent auf einen zentralen Punkt zu. Die klare, oft didaktische Sprache ist zwar ein Vorteil, kann aber aufgrund des enormen Informationsgehalts an manchen Stellen zäh oder überfordernd wirken.

Fazit und Empfehlung

Rosa Lyon bietet keine einfachen Patentrezepte, sondern liefert gezielte Analysen zur Reduzierung von Ungleichheit, beispielsweise durch die Besteuerung der Bodenrente.

Das Buch endet mit der entscheidenden Frage: “Wie viel Armut und wie viel Reichtum wollen wir in unserer Gesellschaft?” Lyon bietet die notwendige Faktenbasis, um diese Frage nicht emotional, sondern fundiert beantworten zu können. Sie hält den Leser*innen einen Spiegel vor, besonders jenen, die sich – in Anlehnung an John Steinbeck – als „vorübergehend in Verlegenheit geratene Millionäre“ sehen, und rüttelt an unserem fest verankerten Glauben an eine gerechte Verteilung. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte ist Mehr als Geld eine wegweisende und fundamentale Lektüre für alle, die Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur verstehen, sondern auch hinterfragen möchten. Wer bereit ist, sich tief in das komplexeste Thema unserer Zeit hineinzudenken, erhält hiermit eine klare Kaufempfehlung.

von Franziska Lindner

Rosa Lyon
Mehr als Geld – Warum Ungleichheit unsere Zukunft bedroht
Brandstätter Verlag 2025
256 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-7106-0819-3

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