„Das alles tat verdammt weh und hat viel Kraft gekostet.“
—
CW: Alkoholismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus, Sexualisierte Gewalt, Tod, Trans*feindlichkeit
—
In ihrer Autobiografie Meine Familie, die AfD und ich erzählt Leonie Plaar von ihrer Kindheit und Jugend als queere Tochter eines AfD-Mitglieds. Entlang ihrer eigenen Geschichte, erklärt Plaar die Bedeutung des Erstarkens der Neuen Rechten für den familiären Küchentisch und die gesamtgesellschaftliche Lage. Nachdem sie sich jahrelang argumentativ mit ihrer Verwandtschaft auseinandergesetzt hat, entschied sie sich für den Kontaktabbruch. Nun teilt sie, wie es dazu kam und welche Konsequenzen das für ihr heutiges Leben hat. Ihr geht es dabei weniger um Selbstdarstellung. Vielmehr nutzt sie ihre Geschichte exemplarisch, um über weit verbreitete Phänomene aufzuklären und den Leser*innen Handlungsstrategien mitzugeben.
„Ein wiederkehrendes Problem von marginalisierten Gruppen: Unsere Rechte müssen eine Mehrheit von Menschen erstmal interessieren, damit sie merken, dass jemand sie abschaffen will.“
Ausgehend von provokativen Headlines wie „Da fühle ich mich als weißer heterosexueller Mann diskriminiert“ wendet sie sich Themen wie Meinungsfreiheit, Erinnerungskultur, Menschenrechten, Geschlechtskonstruktionen, der Bedeutung von Familie und rhetorischen Strategien zu, während sie abwechselnd von konkreten Situationen aus ihrer Vergangenheit erzählt und allgemeine Beobachtungen zur AfD teilt. Die Autorin schwankt ebenso zwischen einem betont sachlichen und leicht ironischen Ton, wie zwischen ausführlichen Erläuterungen und kurzen Zusammenfassung. Da das Buch thematisch gegliedert ist, verliert man leicht den Überblick über die Reihenfolge der Erlebnisse von Plaar. Hier wäre eine genauere zeitliche Einordnung der einzelnen Passagen sehr hilfreich gewesen. Manche Abschnitte sprechen vermutlich besonders Menschen an, die selbst ähnliche Erfahrungen machen und gemacht haben, andere richten sich bewusst an jene, die bisher wenig Berührungspunkte hatten:
„Wir schulden es den Verletzbarsten in unserer Gesellschaft, den Kampf gegen den Rechtsextremismus weiterzuführen, denn viele können es sich nicht aussuchen, sich aus einem diskriminierenden Umfeld zurückzuziehen. Diese Option ist ein Luxus, der Privilegien voraussetzt.“
Gerade Menschen, die sich bisher nicht oder nur wenig mit Auswirkungen von politischen Entwicklungen auf Familienverhältnisse und innerfamiliäre Spannungen beschäftigt haben, werden viele neue Informationen begegnen. Schade ist, dass in den Anmerkungen zwar zahlreiche Quellen angegeben sind, Hinweise auf weiterführende Empfehlungen zu Büchern, Dokus und Podcast – welche im Buch teilweise angesprochen wird – findet man jedoch nicht. Trotz der genannten Kritikpunkte lässt sich insgesamt sagen, dass es sich um ein sehr mutiges, lesenswertes und hoch relevantes Buch handelt, welchem ein paar Seiten mehr sehr gutgetan
von Jasmin Fuchs

Leonie Plaar
Meine Familie, die AfD und ich
Goldmann 2025
192 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-442-32003-5