Wenn Cozy Fantasy und Light Academia miteinander verschmelzen
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Emily Wilde ist vor allem eines: Wissenschaftlerin. Mit leidenschaftlichem Ehrgeiz erforscht die renommierte Dryadologin in Fawcetts Emily Wildes Kompendium der verlorenen Geschichten das Feenreich, und zwar in der Regel von Cambridge aus. Als sich jedoch die Möglichkeit ergibt, für längere Zeit in der Feenwelt zu leben, lässt sie sich von ihren Bedenken nicht aufhalten und besteigt direkt den Thron. Einen solchen Zugang zu neuen Erkenntnissen über das kleine Volk kann sie sich schließlich nicht entgehen lassen. Ach ja, und ihr Verlobter und ehemaliger Erzfeind aus Cambridge Wendel, der als exilierter Thronprinz die Krone für sich beansprucht, braucht sie auch an seiner Seite. Besonders, nachdem klar wird, dass ein Fluch auf seinem Reich und seinen Bewohner*innen lastet – ausgesprochen von Wendels Stiefmutter.
„Wenn Wendel und ich uns bei einem Thema nie einig sein werden, dann bei der Frage, wie klug es ist, eine Katze in die Feenwelt mitzuschleppen.“
Bereits zum dritten Mal lässt Fawcett die Leser*innen in die Welt von Emily Wilde eintauchen. Dazu nutzt sie Tagebucheinträge von Emily. Darin spiegeln sich zu Beginn insbesondere ihre Zweifel, der Aufgabe gewachsen zu sein: „Wie in aller Welt bin ich in diese Sache hineingeraten? Wie soll ich irgendjemanden davon überzeugen, dass ich eine Königin bin, und wie konnte ich für eine gute Idee halten, es auch nur zu versuchen?“. Auch ihre Beziehung zu Wendel spielt eine gewisse Rolle, auch wenn es sich bei diesem Buch ganz gewiss nicht um Romantasy handelt, wie teilweise fälschlicherweise auf Social Media behauptet wird.
Stattdessen steht die Suche nach einem Heilmittel und Wendels Stiefmutter im Fokus, um dessen Reich und die ganze Feenwelt zu retten. Deshalb hilft Emily, wie sie es am besten kann: Indem sie sich in die Forschung stürzt. Zwischenzeitlich wird ihr angesichts all der Hofetikette alles zu viel und sie nutzt die Möglichkeit, in die menschliche Welt zurückzukehren. Mit der Hilfe ihrer Kolleg*innen aus Cambridge arbeitet sie an einer Theorie und besucht auch ihre Freundinnen, die Fans der Reihe bereits kennen. Sehr zum Missfallen Wendels, der ihr stapelweise Briefe schickt, in denen sein Charakter und die Dynamik zwischen beiden noch offensichtlicher werden als in Emilys Tagebucheinträgen.
Im Allgemeinen sind die wichtigsten der vielen Charaktere, sowohl Menschen als auch Teile des kleinen Volks, gut herausgearbeitet. Im Vordergrund stehen dabei logischerweise Emily und Wendel. Sie werden beim Lesen zu komplexen, durch und durch menschlich wirkenden Protagonisten. Insbesondere Emilys quirlige, trockene, wissensdurstige Art muss man lieben, sonst ist die ganze Trilogie höchstwahrscheinlich nichts für einen und man wäre in dem Fall nicht bis zu Band drei gekommen.
„Sollte Wendells Stiefmutter uns töten lassen, bevor ich zu dieser wissenschaftlichen Debatte etwas beitragen kann, wäre ich sehr enttäuscht.“
Emily ist so sehr Wissenschaftlerin, dass sie im Alltag und selbst bei ihren teils gefährlichen Vorhaben im Kopf Notizen zu möglichen neuen Forschungserkenntnissen macht. Ihre Tagebucheinträge sind demnach gespickt mit Referenzen zu wissenschaftlichen Arbeiten und den darin vermittelten Theorien. Ein besonders kreatives Highlight, das die gesamte Reihe von anderen Büchern aus diesem Genre abhebt: Fußnoten, die man ausnahmsweise mal wirklich bis spät in die Nacht durchforsten möchte. Denn sie sind voller sehr spezifischer Details zum kleinen Volk im Allgemeinen oder zu bestimmten Teilen dessen im Speziellen.
Man kann sich also als Leser*in wunderbar gemütlich in eine Decke einkuscheln und gebannt Emilys Interaktionen mit süßen und bösartigen Feen und ihren Freund*innen aus der menschlichen Welt verfolgen und dabei auf sehr akademische Art und Weise immer mehr über die Feenwelt erfahren. Der perfekte Mix aus Cozy Fantasy und Light Academia also zum Abschalten nach einem langen Tag.
Wenn allerdings ein komplexes Worldbuilding erwartet wird, ist man bei Emily Wildes Kompendium der verlorenen Geschichten an der falschen Stelle. Auch eine gut ausgearbeitete und vor Spannung übersprudelnde Handlung darf man sich nicht fälschlicherweise erhoffen. Zwar gibt es spannende Szenen, aber diese sind – wie für Cozy Fantasy üblich – spärlich gesät. Und auch wenn die Handlung gegen Ende des Romans, insbesondere im Vergleich zu ein paar Längen zuvor, plötzlich an Fahrt aufnimmt, erscheint das nur überstürzt und leider wirkt die große Auflösung viel zu simpel und unrealistisch.
Solange man sich mit den richtigen Erwartungen dazu entschließt, das Buch zu lesen, ist Emily Wildes Kompendium der verlorenen Geschichten genauso wie der erste und der zweite Band der Reihe jedoch insgesamt durchaus empfehlenswert, vor allem jetzt in der dunklen Jahreszeit.
von Alina Köhler

Heather Fawcett
Emily Wildes Kompendium der verlorenen Geschichten
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Kemper
Fischer TOR 2025
464 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-596-71188-8