Menschliche Heilmittel
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CW: Alzheimer, Demenz, Folter, Homophobie, Kannibalismus, Mord, Rassismus, Verlust, Vergewaltigung
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Nach der Nebenrolle in der Mr. Mercedes-Reihe widmet Stephen King der Figur Holly nun einen eigenen, gleichnamigen Roman – und das mit Erfolg.
Eigentlich sollte die Agentur Finders Keepers, die Holly Gibney als Privatermittlerin betreibt, bis August geschlossen bleiben. Schließlich hat sie gerade ihre Mutter Charlotte Gibney an COVID-19 verloren. Doch dann meldet sich eine gewisse Penelope Dahl: Ihre Tochter Bonnie Dahl sei seit drei Wochen verschwunden. Ihr verlassenes Fahrrad und die Nachricht „ICH HAB GENUG“ lassen Holly schließlich doch neugierig werden – und führen sie direkt zu einer ganzen Reihe von Vermisstenfällen.
Währenddessen werden die Eheleute Emily und Rodney Harris immer älter. Das emeritierte Professorenehepaar hat nicht nur mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen, sondern auch mit geistigen. Aber vielleicht hilft es ja, wenn man zum Nachtisch eine Mischung aus Himbeersorbet und menschlichem Gehirn löffelt…
„Ach, Holly.“
Mehrere Erzählstränge und Rückblenden, denen Leser*innen jedoch gut folgen können, führen Holly und das nach außen hin harmlos wirkende Killerehepaar, das direkt zu Beginn des Romans als solches vorgestellt wird, Stück für Stück aufeinander zu. Leser*innen lernen dabei äußerst sympathische Nebenfiguren, deren Leben und ihre entscheidende Hilfe bezüglich des Falls kennen. Einzig und allein der Weg zur Schriftstellerin, den Hollys Freundin Barbara beschreitet, läuft zu reibungslos ab und erscheint daher zu stark konstruiert. Wie im Kindheitstraum wird Barbaras Talent entdeckt und die weltbekannte (fiktive) Dichterin Olivia Kingsbury erklärt sich sofort bereit, ihre Mentorin zu werden. Im Gegensatz dazu könnten Hollys Persönlichkeit und Innenleben natürlicher nicht sein. Rauchen, Kindheitserinnerungen, das Verhältnis zur Mutter, Selbstzweifel, kleine Marotten, Hypochondrie, die Liebe zu ihren Freund*innen und schließlich ihre „Holly-Hoffnung“ machen die Figur wunderbar unperfekt, obwohl sie brillante Ermittlungsarbeit leistet. Immer wieder wird dabei auch ihre Abneigung gegen Trump oder Coronaleugner*innen deutlich. Die beiden Antagonist*innen sind nicht minder gut gelungen: King hat mit ihnen absolut widerliche, keinerlei Sympathie oder Faszination erweckende und wahnsinnige Charaktere geschaffen.
King ist mit Holly eine fantastisch konstruierte Geschichte mit einigen Horrorelementen gelungen, bei der der Fokus eher auf dem Was passiert? als auf dem Wer war’s? liegt. Die 640 Seiten vergehen daher wie im Nu.
von Hannah Orth

Stephen King
Holly
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne Verlag 2023
640 Seiten
28,00 Euro
ISBN 978-3-453-27433-4