Harper Lee – Das Land der süßen Ewigkeit
Harper Lee – Das Land der süßen Ewigkeit

Harper Lee – Das Land der süßen Ewigkeit

„[E]s gibt Dinge, die sollten auf weichem Papier geschehen, nicht auf kaltem Metall.“

CW: Häusliche Gewalt, Rassismus, Suizidgedanken

Der folgende Beginn einer Kurzgeschichte verweist unverkennbar auf Jane Austens Stolz und Vorurteil, stammt aber von Harper Lee:

„Es ist eine von den Einwohnern von Maycomb, Alabama, allgemein anerkannte Wahrheit, dass es einer alleinstehenden Frau, die über kaum mehr verfügt als über eine gute Kenntnis englischer Sozialgeschichte, an Gesprächspartnern mangelt.“

Ähnlich wie die Bennett-Töchter erkennt Lees Protagonistin Jean Louise Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der sie versteht, auch wenn es ihr nicht ums Heiraten geht, sondern nur darum, tiefergehende Konversationen zu führen. Auch andere Kurzgeschichten, die in Harper Lees Das Land der süßen Ewigkeit abgedruckt sind, kreisen um das fiktive Städtchen Maycomb in Alabama, und spiegeln damit einen Teil von Lees Leben wider. Jeweils acht Kurzgeschichten und Essays beherbergt das 200 Seiten starke Büchlein, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten im Leben der Autorin entstanden sind, und nun gesammelt vom Penguin Verlag herausgegeben wurden.

„Wir Amerikaner verstauen unsere Kultur gern in Einwegbehältern.“

In beiden Literaturformen wird alltägliches und fiktives Leben mit eigenen Erfahrungen und Gedanken der Autorin verwoben. Wer noch nicht mit Lees Biografie und ihrem großen Werk, Wer die Nachtigall stört, vertraut ist, bekommt diese Inhalte in einem umfangreichen Nachwort von Casey Cep verständlich gemacht, das einem hilft, die Geschichten erneut und in neuem Licht zu betrachten.

Die Inhalte der Kurzgeschichten sind vielfältig: Zwar thematisiert Lee die methodistische Kirche Alabamas als Bestandteil des sogenannten „Bible Belts” mehr als einmal, weitere Themen sind allerdings ein vernichtend kritisches Kinopublikum, eine vermeintliche Teenagerschwangerschaft und Rassismus. Allen gemein ist, dass sie Gedanken zum Hinterfragen der Gesellschaft und Ausbrechen aus derselben beinhalten – sei es deutlich zur Sprache gebracht oder nur subtil. Erschreckend ehrlich, aber ergänzt durch hin und wieder durchbrechenden, trockenen Humor gelingt es Lee, die Gesellschaftspolitiken des 20. Jahrhunderts sarkastisch zu hinterfragen, ohne den ernsten Bezug der Themen ins Lächerliche zu ziehen.

Die Essays sind, wie zu erwarten, persönlicher gestaltet, und geleitet von selbst erlebten Weihnachtsfeiern mit Freund*innen, der Begegnung mit Schauspieler Gregory Peck am Filmset zu Wer die Nachtigall stört und Gedanken über den gleichaltrigen Schriftsteller Truman Capote, mit dem sie als Kind eine enge Freundschaft verband. Abgerundet werden diese und weitere Texte durch Briefe an Oprah Winfrey, eine Lesung beim Alabama Heritage Festival und schließlich mit einem Rezept für ein Griebenbrot: „Einige Historiker sagen, dieses Rezept allein habe die Konföderierten zu Fall gebracht.“

Es muss allerdings beachtet werden, dass manche von Lees Formulierungen aus heutiger Sicht problematisch sind. In einem Vortrag von 1983 über ein Geschichtsbuch Alabamas werden verschiedene Ethnien der Native Americans stark vereinheitlicht und stereotypisiert, als „aggressiv“ oder „grausam“ bezeichnet sowie veraltete und heute als diskriminierende Begriffe wie „primitiv“, „Ureinwohner“ und „Stamm“ genutzt. Hier wäre ein Kommentar mit einer entsprechenden Anmerkung zur Einordnung dieser Formulierungen wünschenswert gewesen.

Abgesehen davon ist das Buch ein kleiner Schatz an schriftstellerischer Gestaltung, der inspirierend ungewöhnliche Blickwinkel beschreibt. Für Leser*innen, die Wer die Nachtigall stört nicht kennen, ist das kleine Buch ein schöner Einstieg in Lees Werk, für bereits Vertraute eine fabelhafte Ergänzung.

von Nike Kutzner

Harper Lee
Das Land der süßen Ewigkeit
Aus dem amerikanischen Englisch von Nicole Seifert
Penguin Verlag 2025
208 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-328-60462-4

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