Verschleierte Verhältnisse
Wien, Herbst 1871:
„Seit Tagen lähmte dichter Nebel das Leben in Wien. Wie eine große, schwere Glocke hing der nasskalte Schleier über der Stadt und legte sich, einem schaurigen Leichentuch gleich, über Häuser und Kirchtürme. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht war nur noch zu erahnen.“
So atmosphärisch tauchen die Lesenden in die Nebelsuppe Wiens ein, die zum einen das Atmen schwer macht, zum anderen die Sicht einschränkt und das perfekte Verbrechen verdeckt. Ein Sturz aus dem Fenster – Selbstmord oder doch ein mörderisches Vergehen? Es folgen bedrohliche Nachrichten aus dem Jenseits, verfälschte Tatsachen sowie undurchsichtige Geschehnisse, die sich immer mehr häufen und damit den Polizeiagenten Janek Pokorny auf den Plan rufen. Seine Wege kreuzen sich dabei abermals mit denen der jungen Gräfin Aurelia von Kolowitz, die sich, wie bereits im vorhergehenden Band Aurelia und die letzte Fahrt, nicht von derlei Obskuritäten abschrecken lässt.
„Es fühlt sich an, als wären wir in einem undurchsichtigen, diffusen Dickicht für immer gefangen. Ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt.“
Begonnen im Prolog und sich durch das gesamte Werk ziehend, werden die Wiener Straßen während undurchsichtiger Witterungsverhältnisse geschildert. Die Wege der Figuren können die Lesenden dennoch direkt vor Augen sehen, da diese durch Orts- sowie Straßenangaben angegeben sind und die Donaumetrople detailliert beschrieben ist. Der historische Kriminalroman gibt zudem Einblicke in die Wohn- und Arbeitsverhältnisse verschiedener Stände: Wie sich die schlechten Luft- und Lichtverhältnisse z. B. negativ auf das Geschäft und die Gesundheit der unteren Schichten auswirken oder wie Ausbeutung und Misshandlung alltäglich sind. Krankheiten und weitere gesellschaftliche Missstände in der Habsburger Monarchie sind mit dem Morden verbunden und vermitteln, genauso wie die sozialkritischen Elemente, ein gut recherchiertes Bild Wiens zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ein gewisser Fokus liegt auch auf den – nicht sehr ausgeprägten – Rechten der Frauen. Die Protagonistin Aurelia gehört der Oberschicht an, lebt aufgrund ihres Vermögens ein luxuriöses Leben, ist jedoch auch in ihrem eigenen Käfig gefangen. Zumal sie nicht die Augen vor den Geschehnissen verschließt und ihren Teil zur Veränderung beitragen möchte.
Aurelia und die Melodie des Todes ist ein atmosphärischer sowie humorvoller historischer Kriminalroman, der mit zahlreichen liebenswerten Haupt- und Nebenfiguren aufwartet. Vom Haushalt der von Kolowitz begonnen, über die einzige Fiakerin Wiens bis hin zu Polizeiagenten Janek Pokornys und Advokaten Nepomuk Hofmeisters gemeinsamer Vergangenheit, arbeitet Beate Maly für alle Figuren ihren eigenen kleinen Mikrokosmos aus, die sich zu einer ganzen, größeren Geschichte verbinden und ein wundervoll allumfassendes Leseerlebnis bieten.
Die Gefühle zwischen Aurelia und Janek sind bisweilen unterschwellig, machen allerdings Vorfreude auf mehr. Am Ende hofft man als Leser*in auf noch zahlreiche weitere Fälle, da Aurelias zweites Abenteuer beim Lesen einfach Spaß macht, ein angenehmes Erzähltempo hat und viele Geschichten noch nicht (aus-)erzählt sind.
von Paula Heidenfelder
Die Kriminalfälle sind in den einzelnen Bänden abgeschlossen. Trotzdem die Empfehlung, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, damit die Entwicklung der Figuren und ihrer Umstände mitverfolgt werden kann.

Beate Maly
Aurelia und die Melodie des Todes. Ein historischer Wien-Krimi
DuMont 2023
320 Seiten
22,00 €
ISBN 978-3-8321-8171-0
Auch als Taschenbuch erhältlich.