Mariona Cabassa, Soledad Romero Mariño – Das wundersame Buch über den Tod
Mariona Cabassa, Soledad Romero Mariño – Das wundersame Buch über den Tod

Mariona Cabassa, Soledad Romero Mariño – Das wundersame Buch über den Tod

Vom Staunen über das Ende

CW: Tod, Trauer

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„Man braucht im Leben nichts zu fürchten, man muss es nur verstehen. Jetzt ist es an der Zeit, mehr zu verstehen, damit wir uns weniger fürchten.“ – Marie Curie

Dass Wissen am besten gegen Angst hilft, trifft auch auf die Auseinandersetzung mit dem Tod zu. Es braucht allerdings keinen Todesmut, Das wundersame Buch über den Tod zur Hand zu nehmen, sondern lediglich die Offenheit, sich auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise zu begeben.

Zahlreiche eingestreute Weisheiten von Künstler*innen, Naturwissenschaftler*innen und Philosoph*innen, wie das Eingangszitat, führen vor Augen, dass wir Menschen seit Jahrhunderten versuchen zu verstehen, was es mit diesem großen, letzten Geheimnis des Lebens auf sich hat. Das Buch möchte enttabuisieren – entmystifizieren tut es jedoch nicht, im Gegenteil: Es weckt die Lust darauf, sich intellektuell jenem Ende anzunähern, das doch nur ein anderer Anfang ist.

Enzyklopädie der Endlichkeit

Den Tod als Faszinosum zu sehen und seine Auswirkungen und Spielarten umfassend darzustellen, ist das Anliegen der Autorin Soledad Romero Mariño. In einer wohltuenden Selbstverständlichkeit entfaltet sie das Regelwerk der Natur. Sterben wird hier als ein Vergehen oder Übergehen in andere Formen verstanden, was auf menschliche und nicht-menschliche Tiere ebenso wie auf Galaxien zutrifft. Das Inhaltsverzeichnis unter dem Titel „Die vielen Seiten des Todes“ nimmt sich damit wie eine Evolutionsgeschichte der Todesbearbeitung aus. Großflächige Doppelseiten widmen sich dabei jeweils einem Themenbereich.

Die erste Hälfte des Buches ist noch stark biologisch ausgerichtet – oder sollte man hier vielleicht eher sagen: Thanatologisch? Denn wie Leben und Sterben stets ineinandergreifen und ohne einander nicht gedacht werden können, wird anhand informativer Erklärungen zu verschiedenen Organismen entfaltet. Leser*innen finden ihre naturwissenschaftliche Neugier angesprochen, wenn die Kreisläufe des Werdens und Vergehens von Pflanzen, im Tierreich und sogar im Kosmos nachgezeichnet werden. Denn nicht nur Lebewesen auf diesem Planeten zersetzen sich, Einzug in das Buch fand auch die Darstellung, wie Sterne und Planeten ein Ende nehmen.

Leben und Tod erscheinen somit niemals als Gegensätze, sondern als ineinander verwobene Bewegungen eines großen natürlichen Rhythmus. Bemerkenswert ist dabei, wie das Buch ohne eine anthropozentrische Perspektive auskommt. Dies zeigt sich etwa in der Mitte des Buches, wenn neben menschlichen Totenritualen auch tierische Totenrituale in den Blick genommen werden. Das ganzheitliche Konzept erstreckt sich bis auf die Herstellung des Buches: Im Sinne eines erleichterten Werdens und Vergehens ist es klimafreundlich produziert.

Panorama menschlicher Versuche, mit Vergänglichkeit umzugehen

Im zweiten Teil erscheint der Tod nicht mehr nur als biologische Notwendigkeit, sondern die Autorin nimmt ihn als ein kulturell bearbeitetes Phänomen in den Blick. Dabei beleuchtet sie exemplarisch die Vielfalt unterschiedlicher weltanschaulicher Deutungen und Umgangsweisen sowie sepulkraler Traditionen rund um den Globus und durch die Geschichte.

Neben dem „Fröhlichen Friedhof“ in Rumänien lernen Entdeckende ebenso Todesgottheiten wie die hinduistische Kali oder Gedenktage wie das chinesische Qingming-Fest kennen. Sie erfahren von Konservierungstechniken von Mumien im alten Ägypten bis zur Technologie der Kryonik moderner Tage, einer Art Gefrieren von Leichnamen bei Tiefsttemperaturen. Das Buch wartet mit einer beeindruckenden Fülle an Aspekten auf, und ist – bis auf wenige faktische Verkürzungen bzw. Ungenauigkeiten – gut recherchiert.

Dabei gelingt dem Werk selbst ein kleines Wunder: Trotz sachlich-präzisem Grundton sind die kurzen Texte doch poetisch. Dies ist nicht zuletzt auch der erzählerischen Überarbeitung und der schönen, klaren Sprache der Übersetzerin Melanie Laibl zu verdanken. Ein besonderer Reiz liegt ferner in seiner fein auf den Text abgestimmten Gestaltung. Die farbprächtigen Illustrationen sind deutlich von der Symbolik des mexikanischen Día de los Muertos inspiriert und laden durch ihre Detailverliebtheit zu eingehender Betrachtung ein.

Ein Kindersachbuch über den Tod?

Laut Verlagsangabe handelt es sich um ein „Kindersachbuch“. Diese Beschreibung trifft einerseits zu, denn mit behutsamer Sprache vermittelt das Buch seine existenziellen, negativ behafteten Themen durchgehend sensibel. Aufgrund des intellektuellen Anspruchs und der großen Faktenfülle lässt sich das Buch eher ab etwa zwölf Jahren empfehlen.

Auf der anderen Seite ist der Ausdruck ‚kindgerechte‘ Aufbereitung irreführend, oft sind es nämlich eher jüngere Leser*innen, die sich ohne Berührungsängste der Thematik nähern. So wird es vielleicht sogar besonders Erwachsenen gerecht. Man könnte sagen: Ein Buch für Sterbende aller Altersklassen, vom Säugling bis zum Hundertjährigen. Oder, um den Maßstab der Natur zu bemühen, bis zum Alter des ältesten bekannten Lebewesens, der Islandmuschel mit ihren rund 507 Jahren.

Das beste Kompliment, dass man dem Konzept des Buches machen kann, ist wohl, seinen Titel anzuzweifeln. Ebenso gut könnte es Das wundersame Buch über das Leben heißen.

von Jana Paulina Lobe

Mariona Cabassa, Soledad Romero Mariño
Das wundersame Buch über den Tod
Aus dem Spanischen von Melanie Laibl 
Leykam Verlag 2026
56 Seiten  
22,00 Euro  
ISBN: 978-3-7011-8398-2

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