Zwischen Spiegelbild und Algorithmus: Die Unmöglichkeit, eine „richtige“ Frau zu sein
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CW: Essstörung, Cybermobbing, invasive Eingriffe, Sexismus, Misogynie
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Wann ist man selbst das letzte Mal an einem Spiegel vorbeigelaufen, ohne reflexhaft den eigenen Körper zu bewerten? Sophie Passmann stellt in ihrem neuen Werk Wie kann sie nur? genau die Fragen, die wehtun, weil sie unseren digitalen und analogen Alltag als Frauen bis ins kleinste Detail sezieren. Es geht um die paradoxe Welt der sozialen Medien, in der Konsum, Optimierung und die ständige Bewertung durch andere zur neuen Normalität geworden sind.
Jeder Like eine Anklage: Der alltägliche Wahnsinn im Netz
In ihrem Buch beschäftigt sich Sophie Passmann intensiv mit dem Thema Schönheit und den ambivalenten Idealen, die das Leben von Frauen im Internet bestimmen. Der Titel ist dabei Programm: Er steht für den wertenden Ausruf der anderen, für die ständige Verurteilung von Lebensentwürfen. Jeder Like kann hier zur Anklage werden, jeder Kommentar zum Politikum. Passmann zeigt radikal selbstkritisch auf, dass Frausein heute untrennbar mit dem Konsum von Produkten, Optimierung und Popkultur verbunden ist. Wer im Internet stattfindet, wird zum Beispielfoto – und damit zur Zielscheibe.
Popkultur als scharfsinniges Analysewerkzeug
Besonders stark ist das Buch dort, wo Passmann konkrete Personen als Fallbeispiele heranzieht. Es ist definitiv kein trockenes Theoriebuch, denn es hangelt sich lebendig durch Phänomene wie die asketische Disziplin einer Hailey Bieber oder die kalkulierte „Görenhaftigkeit“ von Charli xcx. Das Faszinierende dabei: Selbst, wenn man glaubt, popkulturell gut informiert zu sein, lernt man durch Passmanns Analyse noch neue Facetten und Zusammenhänge kennen. Sie schafft es, die „Clean Girl“-Ästhetik oder das Phänomen der „Tradwives“ so einzuordnen, dass man die zugrunde liegenden Machtstrukturen deutlich klarer sieht.
Alles ist Krieg: die No-Safe-Zone der Weiblichkeit
Ein zentrales Thema ist die gnadenlose Bewertung im digitalen Raum. „Es gibt kein Gewicht, über oder unterhalb dessen man sich sicher sein kann, nicht auf sein Aussehen angesprochen zu werden […] es gibt keine safezone, alles ist Krieg.“ Ob es um den Neid auf die Disziplin anderer geht oder um die Flucht in die Ironie, um den eigenen Überkonsum zu rechtfertigen – Passmann hält uns den Spiegel vor. Man ertappt sich beim Lesen ständig selbst, man sieht die eigenen Unsicherheiten und die lächerlichen Rituale, die wir im Netz und inzwischen auch im Alltag als normal abtun. Auch wenn man sich vielleicht nicht in jedem einzelnen Punkt eins zu eins wiederfindet, einfühlen kann man sich in alle und häufig genug erkennt man sich selbst beim Lesen wieder.
Ein Spiegel, in den man zweimal schauen sollte
Wie kann sie nur? ist ein Buch, das man vermutlich zweimal lesen sollte, um die volle Tiefe der Analysen wirklich zu greifen. Es hinterlässt eine*n in diesem seltsamen Schwebezustand: Einerseits fühlt man sich ertappt und hat alles sofort verstanden, andererseits spürt man, dass man bei einer zweiten Lektüre noch viel mehr für sich mitnehmen kann. Trotz der flüssigen und pointierten Sprache lässt es einen mit einer gewissen Erschöpfung zurück – einer fast schon heilsamen Erschöpfung, weil Passmann den Finger direkt in die Wunde der ständigen Selbstbespiegelung legt. Es ist kein klassisches „Empowerment-Buch“, sondern eine radikale Bestandsaufnahme eines Systems, in dem Frauen ständig zwischen Inspiration und Enttäuschung schwanken.
Man lernt beim Lesen nicht nur Neues über Popkultur, sondern vor allem über die eigene Rolle in diesem digitalen Theater. Sophie Passmann stellt klar: „Es gibt keine Art, eine richtige Frau zu sein“. Sie macht außerdem deutlich: „Mein Aussehen als Frau ist immer mehr als Aussehen. Es ist die Frage, welches Leben ich führen will und ob mir dieses Leben von meiner Umwelt erlaubt wird.“ Ein kluges, unterhaltsames und bitter-reales Werk für alle, die das Soziale Medien nutzen und sich dabei oft genug fragen: „Wie kann sie nur?“.
von Franziska Lindner

Sophie Passmann
Wie kann sie nur?
Kiepenheuer & Witsch 2026
240 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-462-00858-6