Sally Lisa Starken – Wenn der rechte Rand regiert. USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt? Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen
Sally Lisa Starken – Wenn der rechte Rand regiert. USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt? Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen

Sally Lisa Starken – Wenn der rechte Rand regiert. USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt? Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen

„Wahrheit verliert ihre Zugkraft, wenn sie in einem Meer aus Halbwahrheiten, Skandalisierung und Ablenkung ertrinkt.“

CW: Antisemitismus, Beschreibung von Gewalt, Krieg, Sexismus

Was passiert, wenn der rechte Rand nicht mehr nur Opposition ist, sondern bereits die Strukturen unseres Alltags beeinflusst? Die freie Journalistin Sally Lisa Starken, die auf Instagram politische Aufklärung betreibt, begibt sich mit ihrem zweiten Sachbuch auf
eine investigative Reise durch Demokratien, die ins Wanken geraten sind. Ihre beunruhigende Erkenntnis: Autoritäre Strukturen festigen sich nicht erst durch Wahlsiege. Sie wirken bereits viel früher – in unserer Sprache, in den täglichen Debatten und in einer schleichenden Verschiebung dessen, was als „normal“ gilt. Das Buch macht deutlich: Demokratie ist kein stabiler Besitzstand und kein Naturgesetz, sondern eine alltägliche Aufgabe, die ohne aktiven Schutz erodiert.

Das globale Playbook – Methoden der Erosion: Zwischen gezielter Verwirrung und radikaler Ausgrenzung

Starken analysiert messerscharf, wie autoritäre Kräfte weltweit nach einem ähnlichen Muster agieren. Ein zentrales Werkzeug ist das Prinzip „Flood the Zone with Shit“: Eine gezielte Überflutung des Diskurses mit Halbwahrheiten, bis die Fakten ihre Orientierungskraft verlieren. Politik wird so zum emotionalen Tauschgeschäft, bei dem es nicht mehr um Programme, sondern um das Gefühl der Zugehörigkeit geht.

Besonders erschreckend ist der Blick in die USA. Starken beschreibt ein „Hochstapler-Christentum“, in den radikalen Forderungen religiös legitimiert werden. Hier zeigt sich eine massive sprachliche Enthemmung, die bis zur völligen Objektifizierung führt: „Frauen sind die Art von Menschen, aus denen Menschen herauskommen“, zitiert Starken eine Argumentation, die Frauen auf ihre biologische Funktion reduziert, um ihnen in der Folge das Wahlrecht abzusprechen.

Im Kontrast dazu steht Italien unter Giorgia Meloni. Hier agiert die „seriöse Populistin“ nicht laut, sondern betreibt eine schleichende Normalisierung postfaschistischer Narrative. Während Polen zeigt, wie mühsam der Weg zurück ist, macht Italien deutlich, dass die größte Gefahr in der „stillen Gewöhnung“ liegt. Die Zivilgesellschaft muss hier, so Starken, als „Frühwarnsystem der Demokratie“ fungieren, da sie das notwendige gesellschaftliche Gegengewicht bildet, wo Institutionen unter Druck geraten.

Auftrag an die Politik: Nahbarkeit statt moralischer Überlegenheit

Ein weiterer zentraler Punkt des Buches ist die Kritik an den demokratischen Parteien. Starken legt dar, dass moralische Überlegenheit kein politisches Konzept ist. Um den rechten Rand zu stoppen, müssen Parteien wieder nahbarer wirken und die realen, oft sozialen Ursachen von Ängsten anerkennen. Es reicht nicht, gegen etwas zu sein, sondern es braucht eine positive Zukunftsvision. Wer nur die Narrative der Rechten kopiert – etwa in der Migrationspolitik – macht lediglich das Original attraktiver. Wissenschaftlich belegt, und doch von vielen Parteien ignoriert. Die Wende gelingt laut Starken nur durch eine konstruktive Lösungssuche, die soziale Gerechtigkeit und Sicherheit garantiert, statt nur auf Identitätsfragen zu reagieren und sich rechten Parteien anzunähern.

Analytischer Kompass und Weckruf

Wenn der rechte Rand regiert besticht durch seine exzellente Struktur. Starken baut das komplexe Thema schrittweise auf, erklärt Fachbegriffe wie Nativismus, Autoritarismus und Populismus auch für Lai*innen verständlich und bietet nach jedem Kapitel klare Fazits. Eine jeweils abschließende „Was können wir daraus mitnehmen?“- und eine „Was müssen wir daraus lernen“-Sektion hilft, die besprochenen Inhalte besser zu verstehen.

Ein besonderes Highlight des Buches ist das Modell „Alte Grenzen 2035: Wenn der rechte Rand die Zukunft prägt – Szenarien und Kipppunkte“. Die Autorin nutzt dieses Werkzeug, um die verschiedenen Stadien zwischen stabilen Demokratien und erstarkenden autoritären Kräften eindrucksvoll einzuordnen und verständlich vergleichbar zu machen. Das Modell fungiert als eine Art politisches Frühwarnsystem: Es zeigt präzise auf, wo sich die untersuchten Länder aktuell befinden und in welche Richtung sie sich entwickeln könnten.

Starken verdeutlicht damit die enorme Spannbreite der Bedrohung – von der diskursiven Dominanz in Deutschland, wo rechte Narrative bereits den öffentlichen Diskurs vor sich hertreiben, bis hin zum rasanten institutionellen Umbau.

Ein flammendes Plädoyer für das Handeln

Sally Lisa Starken liefert mit Wenn der rechte Rand regiert weit mehr als eine bloße Bestandsaufnahme; es ist eine handwerklich geschickte Kombination aus erschreckender Analyse und praktischer Ermutigung. Das Werk besticht durch eine stringente und kohärente Argumentation: Starken leitet ihre Thesen logisch her und verknüpft die theoretischen Grundlagen – wie die Definitionen von Populismus und Nativismus – nahtlos mit ihren Beobachtungen aus der Praxis.

Dabei ist das Werk wissenschaftlich fundiert und tiefgreifend recherchiert. Die Autorin stützt ihre Argumentationskette auf eine große Fülle respektabler Quellen, die von internationalen Referenzen wie dem Varieties of Democracy-Index bis hin zu aktuellen soziologischen Studien reichen. Diese fundierte Belegführung verleiht ihren Texten eine hohe Glaubwürdigkeit und sorgt dafür, dass die Ernsthaftigkeit der Lage nie in bloße Polemik abgleitet.

Methodisch überzeugt das Buch zudem durch den gelungenen Wechsel zwischen investigativer Reportage vor Ort (etwa bei den MAGA-Anhänger*innen in den USA) und der theoretischen Einordnung. Starken gelingt es, komplexe systemische Gefahren – wie die Erosion der Justiz oder die Kündigung von Medienstaatsverträgen – so aufzubereiten, dass die Mechanismen der Macht für die Lesenden glasklar greifbar werden. Man wird methodisch sicher durch die Materie geführt, ohne dass die notwendige Komplexität des Themas verloren geht.

Letztlich ist dieses Buch eine Einladung, die eigene demokratische Kraft ernst zu nehmen. Es verdeutlicht, dass eine wehrhafte Demokratie nicht auf den bloßen guten Willen der Akteur*innen setzen darf, sondern Menschen braucht, die demokratische Normen aktiv einfordern. Man versteht nach der Lektüre eindrücklich: Es liegt an uns. Wer verstehen will, wie das autoritäre Playbook funktioniert und warum die Zukunft kein Schicksal, sondern ein gestaltbarer Möglichkeitsraum ist, sollte dieses Werk als fundierten und sehr hilfreichen Kompass nutzen.

von Franziska Lindner

Sally Lisa Starken
Wenn der rechte Rand regiert. USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt? Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen.
Heyne 2026
335 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-453-60735-4

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