„I have an aptitude for devotion“
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CW: Selbstverletzung, Tod
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Unter Harry Lightons Regie wurde Adam Mars-Jones Roman Box Hill (2020) als Film adaptiert, der in Cannes viel Zustimmung fand und mit einer aufsehenerregenden Pressetour beworben wurde – man erinnere sich an Alexander Skarsgårds schlussendliche Richtigstellung in einem Interview, dass er selbst nicht schwul sei, nachdem eine vorherige Äußerung vielen den Anlass gab, sie als bisexuelles Outing zu verstehen sowie seine unzähligen Outfits auf roten Teppichen, die von schritthohen Lederstiefel bis zu Oberteilen reichen, denen ein Magazin bereits nachsagt, dass der Schauspieler damit die „Going-Out“-Tops für Männer neu erfinde. Viel Trubel also, aber ganz sicher nicht um nichts.
„What will I do with you?“ „Whatever you want really.“
Der schüchterne Colin (Harry Melling) singt in einem Pub mit seinem verschrobenen A-cappella-Chor, als er dem Biker Ray (Alexander Skarsgård) begegnet und sofort in dessen Bann gezogen wird. Wie eine Motte zum Licht folgt Colin Ray – auch für das erste Date, wenn man es so nennen möchte, in eine dunkle Gasse für einen unbeholfenen Blowjob und Stiefellecken. Colin ist beeindruckt und aufgeregt, kann es kaum glauben, dass ein Mauerblümchen wie er von einem Hunk wie Ray Aufmerksamkeit bekommt. Er lässt nicht locker, will den Biker unbedingt wiedersehen. Als Ray endlich ein zweites Treffen erlaubt, erkennt Colin schnell, was es bedeutet, dass der Biker der BDSM-Szene angehört. Colin soll kochen, putzen, darf nicht auf dem Sofa sitzen, denn der Platz neben Ray ist für dessen Hündin reserviert und muss vor dem Bett auf dem Boden schlafen. Ray fordert Unterwerfung und das 24/7. Colin findet Gefallen daran dominiert zu werden, denn er hat ein „Talent zur Hingabe“. Rays Lifestyle eröffnet ihm eine neue Welt, mit der er aus seiner ausbrechen kann. Die Romanvorlage öffnet mit dem Untertitel „A Story of Low Self-esteem“ und die Filmadaption fängt genau ein, wie Colin durch die Gemeinschaft der queeren Bikergang, die Diversität (Tom of Finland-Lookalikes sucht man hier vergeblich) zelebriert sowie die erotische Erforschung von Schmerz und Lust an Selbstvertrauen gewinnt.
Kinematografisch ist Pillion mitreißend gestaltet. In der Eröffnungsszene rasen die Zuschauenden aus der Perspektive eines Motorradfahrers (der sich später als Ray herausstellt) unter lautem Motorengeheul zum Sound von Betty Curtis italienischem Chariot, dem Song, der auf Englisch I Will Follow Him heißt, die Straßen entlang. Mit dieser unverkennbaren Melodie folgt nicht nur Colin Ray wohin er geht, sondern auch die Zuschauer*innen Colin auf seiner Selbstfindung. Die Filmadaption ist nur lose an der Romanvorlage orientiert, der entscheidenden Plottwist von Box Hill wird für Pillion neu geschrieben. Während der Roman in den 1970er Jahren spielt, versetzt Lighton die Handlung für den Film ins Heute. Besonders schade sind die Abweichungen dahingehend, weil beispielsweise das grandiose Meet-Cute des Romans, in dem Colin buchstäblich über Ray stolpert und beschrieben wird als „When he told people how we met, Ray always made that clear: Colin didn’t fall for me, he fell over me.“ einer deutlich unspektakuläreren Kennenlernszene im Pub weicht. Wiederum andere Abweichungen sind sicherlich nötig für eine Filmadaption, da manche erzählerischen Kniffe, die den Roman so auszeichnen, filmisch nicht umzusetzen sind. Atmosphärisch schlägt Box Hill einen deutlich melancholischeren Ton an, während Pillion als DomCom gehandelt wird. Die Comedy-Elemente sind zahlreich und erfolgen über unterschiedlichste Zugänge. Das Publikum hat überaus viel zu lachen: Nicht nur pointierte Dialoge, die die Diskrepanz zwischen Colins und Rays Naturellen auf unterhaltsamste Art in trockenem Humor wiedergeben, begeistern das Publikum, sondern auch Schnitte auf Szenen, die so überraschend wie effektiv sind, gewinnen dem Comedy-Anspruch des Films. Beispielsweise folgt auf eine stille und angespannte Szene der Unterwerfung ein Schnitt, der zeigt wie die beiden zu Tiffanys I Think We’re Alone Now in Rays Wohnzimmer wrestlen – Ringertrikots inbegriffen und Colins selbstverständlich gesäßlos für easy access.
„No, he’s not my boyfriend. We have an arrangement.“
Lighton verwendet viele Szene der beiden Männer auf das Austarieren ihrer Beziehung. Anders als das vorauseilende Image des Films vielleicht lüstern anmuten mag, werden hier nicht stumpf Dom/sub-Sexszenen aneinandergereiht, sondern die Unterwerfung Colins wird von Ray immer wieder vor allem in häuslichen Momenten gefordert und durchgesetzt. Ein Ignorieren, eine Demütigung, ein unnachgiebiges Nein machen Colin unmissverständlich klar, zu welchen Konditionen Ray die Beziehung, die für ihn entschieden keine Liebesbeziehung ist, zu führen bereit ist. Die Asymmetrie dieser Beziehung erfüllt Colin einerseits, aber anderseits will er auch mehr: Einen Kuss, einen von der BDSM-Dynamik freien Tag in der Woche, gemeinsam im Bett schlafen. Sein Aufbegehren und seine Emanzipation bringen ihn nicht von der BDSM-Szene ab – sein gefundenes und geschätztes Talent zur Hingabe will auch er nicht mehr missen – sondern lassen ihn seine eigenen Vorlieben und persönlichen Non-negotiables erkennen und verfolgen. Pillion ist eine empowernde, schwule BDSM-Selbstfindungserzählung, die dem Namen der DomCom alle Ehre macht.
Weitere Vorstellung in der deutschen Synchronfassung finden am 30. März, sowie am 2., 3., 4. und 5. April jeweils um 20:40 Uhr im Lichtspiel statt.
von Michaela Minder
Harry Lighton
Pillion
GB 2025
107 Minuten
FSK 16








Fotos © Chris Harris