Louise Pelt – Die Anatomie der Einsamkeit
Louise Pelt – Die Anatomie der Einsamkeit

Louise Pelt – Die Anatomie der Einsamkeit

Von der Allgegenwärtigkeit von Einsamkeit und deren Überwindung


CW: Ertrinken, Erwähnungen von Suizid, Judenverfolgung, Nationalsozialismus, Schlaganfall, Tod, (Auto-)Unfall

London, 2022: Die Journalistin Olive träumt von der großen Story – und davon, endlich ein Gefühl von zu Hause zu finden. Zwar ist sie in einer liebevollen Familie aufgewachsen, doch das Gefühl, dass ihr etwas Entscheidendes fehlt, lässt sie nicht los. Als ihre Großmutter Poppy ihr kurz vor einem Schlaganfall einen geheimnisvollen Kompass vermacht, wird dieser zum Ausgangspunkt für Olives nächsten großen Rechercheversuch. Die Chance scheint perfekt: In Hamburg taucht ein identischer Kompass auf – gefunden an einem längst vergessenen Tatort, bei einer Leiche, die erst durch die Elbeflut in einem Keller eines Wohnhauses ans Licht kam. Gemeinsam mit Tom, dem Fotografen des Magazins und Kollegen, mit dem sie eigentlich wenig anfangen kann, reist Olive nach Hamburg. Was zunächst wie ein möglicher journalistischer Durchbruch wirkt, entwickelt sich schnell zu einer Reise in die Vergangenheit ihrer Familie – von Hamburg bis nach Dänemark, entlang der Koordinaten des Kompasses.

New York, 2000: Die aufstrebende Anwältin Claire O’Leary scheint ihr Leben fest im Griff zu haben. Doch der Tod ihrer Zwillingsschwester Iris wirft sie völlig aus der Bahn. Auf der kleinen Insel, auf der Iris zuletzt gelebt hat, beginnt Claire, nach Antworten zu suchen. Zwischen Zeichnungen, Erinnerungen und unausgesprochenen Geheimnissen versucht sie zu verstehen, wer ihre Schwester wirklich war – und welche Rolle die Vergangenheit ihrer Familie dabei spielt.
Zwischen diesen beiden Erzählsträngen tauchen immer wieder poetische Tagebucheinträge von Poppy auf, die von den Kriegsjahren bis in die Nachkriegszeit reichen. Sie führen nach Hamburg und später nach Hellerup, einem Vorort von Kopenhagen, in Dänemark – und brechen plötzlich im Jahr 1954 ab.

„Einsamkeit war ein Makel, schambehaftet. Denn war ein einsamer Mensch im Grunde nicht selbst schuld an seiner Lage?“

In Die Anatomie der Einsamkeit erzählt Louise Pelt die Geschichte von drei Frauen, deren Schicksale über verschiedene Zeiten und Orte hinweg miteinander verbunden sind. Wie schon in ihrem Debütroman Die Halbwertszeit von Glück (siehe Heftausgabe 74) entfaltet sich die Handlung des Romans auf mehreren großen Zeitebenen, während sich die einzelnen Details nur langsam offenbaren. Über den gesamten Verlauf der Geschichte hinweg setzen sich Vergangenheit und Gegenwart Stück für Stück wie ein großes Puzzle zusammen. Besonders eindrucksvoll sind die klugen, tiefgründigen Dialoge und die vielschichtigen Charaktere. Jede der zentralen weiblichen Figuren trägt ihre eigene Form von Einsamkeit mit sich, selbst gewählt – geprägt von Schuld, Verlust und familiären Konflikten. Themen wie dysfunktionale Beziehungen, persönliche Verantwortung und die Frage, ob Einsamkeit über Generationen hinweg weitergegeben werden kann, ziehen sich durch den gesamten Roman.

Louise Pelt gelingt mit Die Anatomie der Einsamkeit wieder einmal ein komplexes und sehr durchdachtes Storytelling mit stetigem Spannungsaufbau und überraschenden Wendungen. Die verschiedenen Handlungsstränge laufen schließlich zusammen wie zwei Wege, die sich an einer Weggabelung kreuzen. Ein bemerkenswerter Roman über die Vielseitigkeit von Einsamkeit, dem Nach-Hause-Kommen und der letztendlichen Suche nach sich selbst! Einsamkeit, so zeigt es dieses Buch, muss nicht zwangsläufig ein Makel oder Mangel sein, sondern kann genauso Verbindung stiften zwischen Menschen, die sich ähnlich fühlen. Letztlich geht es darum, die „Einsamkeit abzustreifen […] sie Schicht für Schicht freileg[en] – bis du ihre Anatomie verstanden hast“.

von Kristina Steiner

Louise Pelt
Die Anatomie der Einsamkeit
Lübbe 2025
448 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-7577-0103-1

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