„Sag mir, wie du die Urgeschichte verstehst und ich sag dir, was du glaubst.“
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CW: Christlicher Fundamentalismus, Machtmissbrauch, (Selbst-)Mord
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Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält? Diese und ähnliche Fragen bearbeitet Martin Thoms in seinem neuen Buch Die biblische Urgeschichte. Anhand von vierzehn Essays setzt er sich mit den ersten Kapiteln der Bibel auseinander und reflektiert anhand dieser die Grundfragen menschlichen Lebens. Ergänzt werden die Auseinandersetzungen mit der biblischen Urgeschichte durch einen Exkurs ins Hohelied und Buch Hiob, welche thematisch wunderbar dazu passen.
„Die Schöpfung ist nicht das Produkt einer Gewalttat, sondern ein Frieden stiftender Liebensakt des in seiner Kreativität übersprudelnden Gottes.“
Thoms hat seine Erkenntnisse aus exegetischen Tiefenbohrungen stark verdichtet und gibt sie in kompakter Form weiter. Auf erstaunliche Weise gelingt es ihm dabei, Komplexität nicht zu reduzieren, sondern vielmehr zugänglich zu machen. Als Ausgangpunkt für seine Argumentation dienen vielfach Worterklärungen, die besonders wertvoll für alle sind, die kein Hebräisch verstehen und deshalb nicht selbst im Urtext nachlesen können – was vermutlich auf den Großteil der Leser*innen zutrifft.
„Du willst Gott begegnen? Dann schaue nicht nur nach oben in den Himmel, sondern auch nach vorne in die Augen deines Mitmenschen. […] Denn der Mensch ist nicht nur Werk Gottes, er ist Bild Gottes. Und wer ihn achtet, ehrt das Unsichtbare im Sichtbaren. Wer ihn liebt, betet mit offenen Augen.“
Der Autor verknüpft Theologie und Alltag durch verschiedene Beispiele und lädt dazu ein, das Gelesene im Kontext des eigenen Lebens weiterzudenken. Mehrfach durchbricht er die sachliche Distanz und stellt existenzielle Fragen auf ganz persönlicher Ebene. Dabei baut er niemals Druck auf, macht aber jederzeit seinen Standpunkt klar. Statt mit schwammigen Aussagen zu vertrösten, ringt er permanent um starke Begründungen, und statt die Wahrheit für sich zu pachten, nimmt er kritische Stimmen sehr ernst. Er verbindet aktuelle Themen mit den biblischen Geschichten und statt vorschnell dem Zeitgeist zu folgen, fragt er nach dem, was ewig ist. Die Bibeltexte versteht Thoms dabei nicht als historische Berichte, sondern als Erzählungen über menschliche Grunderfahrungen – Freiheit, Scham, Angst, Liebe, Wut, Einsamkeit…
„Der Mensch ist seinem Wesen nach ein Beziehungswesen. Einsamkeit ist nicht nur schmerzhaft, sondern buchstäblich ein unmenschlicher Zustand.“
Seine Texte sind von einem positiven Menschenbild geprägt, in dessen Zentrum das bedingungslose „Ja“ Gottes zu jedem Menschen steht. Besonders eindrücklich wird dies im Kapitel über Kain und Abel: „Kain fühlt sich gottvergessen und gottverlassen. Aber das war er nie. Gott wendet sich nicht einmal dann von Kain ab, nachdem er zum Mörder geworden ist.“ Diese heilsamen und befreienden Botschaften sind nicht länger Wunschdenken, sondern werden getragen von biblischen und theologischen Begründungen.
Egal ob man meint, schon alles über die biblische Urgeschichte zu wissen oder noch nie davon gehört hat – dieses Buch bietet eine große Bereicherung. Besonders empfehlenswert ist es für alle Menschen , die darunter leiden, an einen strafenden Gott glauben.
von Jasmin Fuchs

Martin Thoms
Die biblische Urgeschichte
Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2026
240 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-374-08051-9