Wer sich mit dem Teufel einlässt
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CW: fehlende Körperteile, Gewalt, grafische Beschreibungen von Krankheiten, Schlachtungen und Sex (zwischen Menschen sowie mit dem Teufel in Tierform und zwischen Tieren), harte Sprache, Krieg, okkulte Motive, Tierangriffe, Tiergewalt, Tod
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Die uralte Bernadeta liegt in den Bergen Kataloniens im Sterben und in ihrem abgelegenen Bauernhaus herrscht reges Treiben zur Vorbereitung ihrer Aufnahme in den Kreis aller Frauen, die jemals in diesem gelebt haben. So beginnt der neue Roman, Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis, der aufstrebenden katalanischen Autorin Irene Solà. Am Anfang werden die Leser*innen einfach in die Handlung geworfen, ohne dass sie die hexensabbatartigen Feiervorbereitungen und die gleichzeitige Pflege Bernadetas durch andere Frauen verstehen können. Nach und nach lassen sich jedoch die Puzzleteile zusammenfügen, sodass man das unglaublich originelle Kunstwerk erkennen kann, das sich daraus ergibt.
Die Geschichte dieser Frauengemeinschaft begann eigentlich damit, dass Joana zu hässlich war, um einen Mann zum Heiraten zu finden. Ihre Bitten an Gott blieben unerfüllt, deshalb erklärte die alte Garreta ihr, wie sie Kontakt mit dem Teufel aufnehmen könne: „Sie sagte, wenn sie nur eine einzige Bitte habe, sei es am besten, allein zu gehen, frühmorgens. Sie müsse eine Katze schlachten. Nicht zu klein, nicht zu groß. Mittelgroß. Und ihr eine Bohne in jedes Auge stecken, eine Bohne ins Maul und eine Bohne in den Hintern. Und die solle sie dann vergraben und auf den Erdhügel ein Kreuz zeichnen, und auf das Kreuz müsse sie pinkeln.“ Auf diesem Weg schloss Joana einen Pakt mit dem Teufel: Ihre Seele gegen einen „ganzen Mann“. Zu ihrer Freude stellte sich heraus, dass ihr Mann, den sie gleich am nächsten Tag heiratete, in einer gefährlichen Gegend groß geworden war und durch einen Angriff von Wölfen einen Zeh verloren hatte. Deshalb sei er kein ganzer Mann, erklärte Joana gegenüber dem Teufel und brach damit ihren Pakt. Erbost darüber verfluchte er wohl die ganze Familie, wie sie sich nach und nach zusammenreimte. Denn all ihren Nachfahren fehlte etwas: die Liebe zur Mutter, das Gedächtnis, ein vollständiges Herz, ein Schmerzempfinden, etc.
Irgendwo zwischen Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart
In ständigen Rückblenden werden Teile der Geschichte einzelner Frauen verschiedener Generationen erzählt, die alle auf ihre eigene Art durch komplizierte und problematische (Familien-) Beziehungen (besonders zu Männern) geprägt sind. Man erfährt dadurch einiges über sie. Eigentlich vergeht aber nur ein einziger Tag in der Gegenwart, weshalb die Teile des Romans nach Tageszeiten benannt sind. An diesem Tag, dem letzten Lebenstag von Bernadeta, erzählen sich die toten Frauen während der Vorbereitung des großen Festes Geschichten, unbemerkt von den noch lebenden. Durch die Beobachtung des Vorgehens im Haus in der Gegenwart durch die bereits Verstorbenen entstehen auch unterhaltsame Beobachtungen: „Eines der Kinder, ein kleines Mädchen mit piepsiger Stimme, sagte, es wolle das Zicklein sehen. Es hatte Ponyfransen bis über die Augenbrauen und den Mund voller Silber. Alle Zähne silbern und aneinandergebunden.“ Immer wieder wird uneindeutig zwischen den Perspektiven der verschiedenen Frauen hin und her gewechselt, sodass teilweise Tod und Lebendigkeit sowie Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschmelzen scheinen. Das ist unglaublich kreativ, aber nicht immer sofort verständlich. Insbesondere wünscht man sich als Leser*in an manchen Stellen einen Familienstammbaum. Mit der Zeit kommt man mit dem Erzählfluss gut zurecht und kann ihn wertschätzen.
„Ich gab dir Augen, und du hast in die Finsternis geblickt.“
Besonders spannend ist die konfliktreiche Beziehung zwischen Margarida und den restlichen Frauen. Denn während sie auch in der Gegenwart immer noch darauf hofft, doch noch in den Himmel zu gelangen, hat sich ihre Familie immer wieder in das Böse verstrickt. Nutzlos erscheinen im Nachhinein all ihre Bemühungen, ihr Verbot von Männern im Haus und dessen Isolierung von der restlichen Gesellschaft: „[…] Margarida, die keine Antwort erwartet hatte, rief, in dieses Haus werde kein Mann mehr einen Fuß setzen. […] Sie sagte es so nachdrücklich, so aufgebracht, so gebieterisch und streng, dass selbst das Haus sich fügte.“ Auch die Natur gehorchte ihr und versteckte das Haus mit ihren Mitteln. Trotzdem wurde Margarida eine Zeit lang in der Hölle festgehalten und ist nach ihrem Tod nicht in den Himmel gekommen, denn sie hörte die Stimme Gottes sagen: „Ich gab dir Augen, und du hast in die Finsternis geblickt.“ Darauf lässt sich also der einzigartige Titel des Romans zurückführen.
Wovon diese Geschichte lebt, ist die unglaublich atmosphärische Schreibweise, wodurch die Autorin Leser*innen in den Bann zieht. Diesen Leseeindruck kann man schon in den ersten Sätzen erkennen und er zieht sich kontinuierlich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman: „Die Finsternis war violett und flirrend, opak, granatrot und blau zugleich, summend, gesprenkelt, blind, dicht, tief und doch voller Glanz. Sie wimmelte von kleinem Getier, Zweigen, Zittern, Adern, helleren Stellen.“ Vermutlich lässt sich das auf den Hintergrund der Autorin in den visuellen Künsten zurückführen. In jedem Fall ist es das, was ihren Schreibstil so besonders macht.
Eine Liebeserklärung an Katalonien
Kunstvoll vermag Solà regionale Legenden, katalanische Märchen und sogar Rezepte so miteinander zu verweben, dass sie eine einzigartige, neue Geschichte ergeben. Beispielsweise ist eine der Figuren, Francesc Clavell, dem katalanischen Banditen Serrallonga nachempfunden und der Paktbruch Joanas ist tatsächlich auf die Erzählung L‘hostal de la Lletja – Die Herberge der Hässlichen zurückzuführen. Auch ein spanischer Bürgerkrieg findet Erwähnung, denn drei Kriegsverweigerer suchen im Haus der Frauen Unterschlupf und dieses wird später sogar nach ihnen durchsucht. Die ausführliche Recherche ist dem Roman anzumerken und auch für Leser*innen, die noch tiefer in einzelne Thematiken einsteigen wollen, in den Anmerkungen der Autorin am Ende des Buches nachvollziehbar dargestellt. Die Vermittlung ihrer eigenen Kultur scheint Solà wirklich ein Herzensanliegen zu sein, das sie mit Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis gelungen herüberbringt.
Lobend hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Übersetzung von Petra Zickmann, denn Begriffe und Formulierungen aus der katalanischen Kultur, beispielsweise die Angabe der Uhrzeit oder traditionelle Instrumente, werden so übersetzt oder mit Anmerkungen versehen, dass sie auch ohne Vorkenntnisse gut verständlich sind. Zickmann wurde für die Übersetzung von Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert.
Was allerdings zu beachten ist und einige Leser*innen abschrecken könnte, sind die notwendigen, aber leider nicht vorhandenen Triggerwarnungen. Denn die katalanische Autorin bedient sich einer extrem harten Sprache. In Kombination mit dem atmosphärischen Schreibstil sind einige Beschreibungen daher, besonders im Hinblick auf Krankheiten, die Schlachtung von Tieren und Sex (zwischen Menschen sowie mit dem Teufel in Tierform und zwischen Tieren), sehr grafisch, detailreich und vulgär.
Ein unglaublich origineller und grotesk wirkender Entwurf einer Familiensaga, der es schafft, verschiedenste Teile der katalanischen Kultur zusammenzuweben. Man muss sich deshalb auf etwas ganz Neues einlassen können, wenn man Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis begeistert lesen möchte.
von Alina Köhler

Irene Solà
Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis
Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
S. Fischer 2025
256 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-10-397603-8