Ermordungen im Namen der Sicherheit
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CW: Blut, Drogensucht, grafische Beschreibungen von Gewalt und Toten, Hassrhetorik, Polizeigewalt, Tötung von Zivilist*innen, Trauer
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Über den vom früheren Präsidenten Rodrigo Duterte ausgerufenen „Krieg gegen die Drogen” berichtete die renommierte und vielfach ausgezeichnete philippinische Journalistin Patricia Evangelista. Sie ist für ihre Arbeit als investigative Reporterin und Trauma-Journalistin für das Nachrichtenmagazin Rappler der Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa bekannt. In ihrem Buch Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land teilt sie ihre akribische Recherche in einer Mischung aus Reportage und Memoiren.
„Ich wurde in dem Jahr geboren, als die Demokratie auf die Philippinen zurückkehrte. Jetzt bin ich hier, um über ihren Tod zu berichten.“
Bereits im Prolog wird klar, wie viel Mut hinter den Zeilen steckt. Evangelista berichtet von Faktenchecks, mehreren Quellen und Querverweisen in jedem Text und der trotzdem anhaltenden Angst, „[…] dass ein falsch gesetztes Komma Anlass für eine Verleumdungsklage geben würde“. Außerdem erzählt sie von Sicherheitsbedenken, die sie dazu veranlassten, mitten im Drogenkrieg im Oktober 2018 vor der Veröffentlichung zu einer Mordserie in der Hauptstadt, das Land zu verlassen und drei Monate in einer Künstlerresidenz in New York zu verbringen. Sie selbst nennt es eine „nahezu lähmende Paranoia“, der sie nicht entkommen konnte: „Ich las meine eigenen Geschichten wieder und wieder, suchte nach Lücken, zermarterte mir das Hirn wegen bestimmter Formulierungen, überzeugt davon, einen Fehler übersehen zu haben, der den Tod eines Zeugen nach sich ziehen würde.“
Umso beeindruckender ist es, dass Evangelista am Ende ihres Aufenthalts einen Vertrag für ein Buch unterschrieb, und zwar für eines aus der Ich-Perspektive. Das bedeutete, dass sie ihre eigenen Gefühle nicht länger hinter der Objektivität einer Journalistin verstecken konnte, wovor sie sich so sehr fürchtete. Aber sie überwand ihre Angst, denn: „In diesem Buch geht es um die Toten und die Menschen, die zurückbleiben. Aber es ist auch eine persönliche Geschichte, erzählt in meiner eigenen Stimme, als Bürgerin einer Nation, die ich nicht als die meine anerkennen kann. Die vielen Tausend, die starben, wurden mit der Erlaubnis meines Volkes getötet. Ich schreibe dieses Buch, weil ich mich weigere, meine zu geben.“
„Wir sind Duterte.“
Das verkündeten die sogenannten „Todesschwadronen” immer wieder vor oder nach den Morden fast schon feierlich in Anlehnung an Dutertes Wahlkampfspruch: „Ich bin die Todesschwadron.“ Denn sie führten die sogenannten „außergerichtlichen Tötungen“ durch. Es waren Gangs, Menschen aus der Nachbarschaft und die Polizei, die offiziell nicht auf Befehl des Präsidenten aktiv wurden, sondern Selbstjustiz geübt oder nur darauf reagiert hätten, dass die Drogensüchtigen sich widersetzt hätten. Und so wurden Tausende von Bürger*innen auf der Straße, auf dem eigenen Grundstück, in ihrem eigenen Bett getötet. Ihre Familien fanden sie in Blutlachen, mit ausgestochenen Augen, hinter einem Pappschild mit der Aufschrift: „Ich bin ein Drogenlord.“
„Einst waren wir Helden.“
Evangelista arbeitet in diesem Buch, auch unter Verwendung ihrer eigenen Familiengeschichte, die geschichtliche Entwicklung der Philippinnen auf. Wie konnte aus der erfolgreichen Straßenbewegung, der EDSA-Revolution, einem Vorbild für das noch geteilte Deutschland, eine gewählte, gewaltsame Schreckensherrschaft werden?
Indem sie Dutertes Anhängerschaft befragt, versucht sie deren Motivation nachzuzeichnen: Warum ist diese Präsidentschaft, während der der Mord an Staatsbürger*innen zur Staatsräson geworden ist, so beliebt gewesen, dass sie von 2016 bis 2020 bestehen konnte? Warum wurde Duterte am 12. Mai 2025, zwei Monate nach seiner Auslieferung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, mit überwältigender Mehrheit erneut zum Bürgermeister von Davao City gewählt?
Die Journalistin schreckt auch nicht davor zurück, sich persönlich mit Tätern zu treffen, um mehr über die Motivation und die Vorgehensweise hinter den Morden zu lernen. Simon beispielsweise fiel das Töten nach der Wahl auch ohne direkten Auftrag leicht. „Er sei kein schlechter Mensch, sagte Simon. Wirklich nicht. Aber ,Some People Need Killing, manche Menschen müssen getötet werden.‘“Und so findet sich auch der Ursprung des Titels im Buch selbst wieder.
Bahnbrechender Investigativjournalismus
In Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land liegt der Fokus darauf, den Menschen eine Stimme zu geben, die keine mehr haben. Sie beim Namen zu nennen und ihre individuellen Geschichten zu erzählen. Die Hinterbliebenen dabei zu Wort kommen zu lassen. Deshalb berichtet Evangelista davon, für ihren Job ständig unterwegs zu sein: „Meine Arbeit besteht darin, an Orte zu fahren, an denen Menschen gestorben sind. Ich packe meine Koffer, rede mit Überlebenden, schreibe meine Geschichten und kehre nach Hause zurück, um auf die nächste Katastrophe zu warten. Ich warte nie lange.“
Eindrücklich beschreibt sie ihr Vorgehen bei einer Recherche: Wie es ist, um zwei Uhr morgens vor einer Leiche zu stehen. Wie es ist, die trauernden Familienangehörigen zu befragen. Wie es ist, mental den Fall immer wieder durchzugehen. Wie es ist, trotz der Gefahr, alles zu versuchen, um Interviews zu bekommen.
Die Macht der Sprache
Die Sprache der Autorin zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf das Wesentliche beschränkt ist. Das heißt: keine Ausschmückungen, keine langen Sätze, viele Zitate und Auszüge, beispielsweise aus Berichten, Interviews, Stellungsnahmen und Gerichtsaussagen. Typisch für eine Journalistin. Damit gelingt ihr das Spagat zwischen schonungsloser und detailgetreuer Beschreibung der Morde und den emotionalen Lebensgeschichten der Menschen, die unter Dutertes Herrschaft gelitten haben.
Diesen Menschen hatte Duterte mit seiner Sprache ihre Menschlichkeit abgesprochen, sie entwertet und ihren Tod verharmlost und gleichzeitig gerechtfertigt. Evangelista greift immer wieder sprachliche Details auf, die auf den ersten Blick vielleicht nicht bedeutsam erscheinen. Sie macht klug klar, was für eine Macht diese Sprachwahl aber tatsächlich hat, wenn beispielsweise aus Menschen, die „verschwunden waren“, Menschen, die „verschwunden wurden“, gemacht werden. Oder wenn ein Präsident Framing zur Selbstinszenierung nutzt: „Rodrigo Duterte nannte sich selbst einen Killer, »nur ein gewöhnlicher Killer«, aber er bestand darauf, kein Mörder zu sein. Nicht ein einziges Mal in all seinen Reden forderte er den Mord an den Hurensöhnen, von denen er versprach, dass sie sterben würden.“
Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land ist eine perfekte Mischung aus Reportage und Memoiren von einer unglaublich mutigen Journalistin. Und leider ein hochaktuelles leuchtend rotes Warnzeichen vor dem Zerbrechen von Demokratien und dem Einfluss von Sprache dabei.
von Alina Köhler

Patricia Evangelista
Some People Need Killing. Eine Geschichte der Morde in meinem Land
Aus dem Englischen von Zoë Beck
CulturBooks 2025
368 Seiten
28,00 Euro
ISBN 978-3-95988-247-7