„Ich durfte mich nicht derart abhängig machen von einer Person.“
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CW: Gewalt, Tod, Vergewaltigung
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Ann-Christin Kumms Debütroman erzählt eine Geschichte, die konzeptuell nicht neu ist, aber dennoch sogartig mitreißt. Ultramarin handelt von einem charismatischen jungen Mann, dem alle in einem Umfeld erliegen und der sich daran labt. Sich festzulegen widerstrebt ihm, da er das Buhlen um ihn als Bestätigung braucht. Dabei nimmt er keine Rücksicht auf Verluste. Er spielt nach Lust und Laune mit der Zuneigung anderer. Die Leidtragenden sind die, die er um sich geschart hat und mit Manipulation an sich bindet, die sich aber auch nicht in Schutz bringen, weil sie die Nähe zu ihm nicht aufgeben wollen.
In Kumms Roman ist Protagonist Lou derjenige, der nicht von Raf loskommt. Seit sie sich in der Schule kennengelernt haben, kann er sich dessen Anziehungskraft nicht entziehen – auch wenn er die toxische Art Rafs erkennt und deren Schaden immer wieder bitter spürt, lässt er sich dennoch immer wieder in seinen Bann ziehen. So auch in diesem Sommer, in dem sie Mitte 20 sind und wie gewöhnlich gemeinsam in den Urlaub fahren. Doch dieses Mal ist nicht wie sonst Rafs Schwester dabei, sondern spontan kommt deren Freundin Nora mit. Die bereits ungleiche Beziehung der beiden Männer gerät durch Nora als Neuling aus ihrem perfiden Gleichgewicht und offenbart, was schon lange schwelt.
Die Eskalation bahnt sich den gesamten Roman hinweg auf zwei Zeitebenen – dem aktuellen Urlaub in der Dreierkonstellation und zahlreichen Rückblenden aus der gemeinsamen Vergangenheit der Männer – an, bevor sie in den letzten Seiten zur Klimax kommt. Der Plottwist wirkt daher nicht unbedingt überraschend, obgleich es seine Drastik und Konsequenz dennoch vermag.
„Wahrscheinlich meinte er gar nicht, was er sagte, er wollte mich nur verletzen. Darin war er von Anfang an gut gewesen. Oder: Ich war gut darin, verletzt zu sein.“
Mit Lou tariert die Autorin die Komplexität aus, zu wissen, dass einer*m jemand nicht guttut, darunter zu leiden und doch nicht davon loszukommen, weil man stets dem Begehren und der vermeintlichen Hoffnung nachgibt. Kumm dechiffriert subtil wie effektiv, welches Selbstverständnis eine solche Resilienz im negativen Sinne ermöglicht. Das fragile Selbstbewusstsein, die Anfälligkeit für die Manipulation des anderen und die Selbstzweifel werden eindringlich in Lous innerem Dialog transportiert.
Technisch simpel, aber dennoch wirksam setzt Kumm Nina als dritten Pol ein, der die Dynamik der beiden Männer aufzeigt. Man wird als Leser*in genauso wie sie in deren Abhängigkeitsverhältnis geworfen und erkennt immer mehr das Ausmaß der Dysfunktionalität. Mit Raf zeichnet Kumm einen Charakter, der klar als Übeltäter zu identifizieren ist, aber dennoch zwingt sie die Lesenden, mit ihm Ambivalenzen auszuhalten.
Ultramarin ist ein Roman, der erzählerisch erfolgreich eine immer bedrückendere Stimmung aufbaut, je klarer die Machtspiele zu sozialem Status, Klasse, queerem Begehren und Gewalt werden. Eine absolute Empfehlung für Ann-Christin Kumms psychologisches Drama zu zwischenmenschlicher Manipulation.
von Michaela Minder

Ann-Christin Kumm
Ultramarin
Hanser Berlin
224 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-446-28675-7