Ist Fußball ein utopischer Ort der Demokratie?
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CW: Antisemitismus, Deportation, Krieg, Rassismus
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Am Sonntag, den 19. April 2026 feierte Heulen mit den Wölfen von Ron Zimmering und Maren Zimmermann im Nürnberger Schauspielhaus Premiere. Auf der Grundlage des gleichnamigen Buches von Bernd Siegler setzen sich zehn Nürnberger*innen und drei Schauspieler*innen des Ensembles mit der Frage auseinander: Welche Bedeutung hat Fußball für die Gesellschaft? Es scheint, als stünde die Antwort von Anfang an fest, ihre einzelnen Dimensionen entfalten sich jedoch erst im Laufe des Stückes.
Heulen mit den Wölfen entwickelt anhand Fußballs als Objekt und als Phänomen zahlreiche gesellschaftliche Fragestellungen. Vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus wird über Zugehörigkeit und kollektive Identität nachgedacht. Dabei werden auf der Bürger*innenbühne Reflexionen über historische Ereignisse mit biografischen Erzählungen verknüpft. Fußball fungiert dabei als Spiegel für die Menschheit. An dieser Stelle sei gesagt: Für Heulen mit den Wölfen ist Vorwissen über Fußball nicht nötig, es reicht völlig aus, wenn man sich zumindest im Entferntesten vorstellen kann, dass das Nachdenken über Fußball relevant sein könnte.
Das schlichte Bühnenbild (Ute Radler) aus kleinen Bänken und einer hölzernen Kabinenwand wird von den Schauspieler*innen auf vielfältigste Weise genutzt, sodass das Stück fast ohne zusätzliche Requisiten auskommt. Mit beeindruckender Präzision werden die Holzbänke immer wieder vorschoben und bieten stets eine authentische Kulisse.
„Ist das Stadion das letzte soziale Lagerfeuer, an dem Menschen sich wärmen können?“
Das Stückt lebt von zahlreichen Szenenwechseln – mal steht eine einzelne Person auf der Bühne, dann machen wieder alle synchron Sportübungen oder tanzen wild. Zusätzlich gibt es wertvolle Videobeiträge von Expert*innen aus der Bildungsarbeit, Ethnologie, Kriminologie und dem Fußball, welche interessante Einordnungen bieten.
Obwohl die Darsteller*innen nicht wegen ihrer schauspielerischen Leistung, sondern ihrer Eignung zur Repräsentanz vielfältiger Erfahrungen ausgewählt wurden, bekommt man eine professionelle Performance geboten. Dabei überzeugen die Schauspieler*innen sowohl mit ihren persönlichen Stärken als auch im gemeinsamen Zusammenspiel. Als besonders eindrücklich sind an dieser Stelle die Chorgesänge zu erwähnen.
„Das ist pures Adrenalin. Und davon wirst du süchtig. 60-jährige Männer weinen, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen – wo gibt es so etwas sonst?“
Dem Abend merkte man deutlich an: Hier sind Menschen versammelt, die es gewohnt sind, sich mitrissen zu werden und Stimmung zu machen, aber man spürt auch den Mut, sich anrühren zu lassen und sich auf die leisen zwischenmenschlichen Töne zu achten. Während des tosenden Schlussapplauses mit Standing Ovations hatten Menschen vor und auf der Bühne Tränen in den Augen – Freudentränen und Tränen der Rührung über das, was miteinander an so einem Theaterabend passieren kann, wenn Menschen sich verletzlich zeigen.
Insgesamt handelt es sich bei Heulen mit den Wölfen um ein großartiges Theaterstück, welches dringend zu empfehlen ist – nicht nur für Fußball-Fans, sondern für alle, für die die Demokratie mehr als eine Utopie ist.
Weitere Aufführungen finden am 26.04. und 03.05. um 18:00 Uhr, sowie am30.04., 13.05., 30.05., 18.06. und 27.06. jeweils um19:30 Uhr statt.
von Jasmin Fuchs





Fotos: © Ludwig Olah