Vom Mut, wütend zu sein
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CW: Fatshaming, Gewalt (gegenüber Frauen), Rassismus, Vergewaltigung
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Wie wütend dürfen Frauen sein? Und warum sollten Frauen nicht aufhören, wütend zu sein? Diesen und vielen weiteren Fragen geht die Kulturwissenschaftlerin Tara Louise Wittwer in ihrem neuen Werk Nemesis‘ Töchter nach. Auf den Spuren der weiblichen Wut (female rage) lädt Wittwer auf eine umfassende Reise ein.
Was es mit diesem Phänomen auf sich hat, fasst sie schon zu Beginn pointiert zusammen:
„Female rage ist ein Massenphänomen, ein Aufbäumen, ein Schrei, der nicht mehr ignoriert werden kann. Ein Aufarbeiten kollektiver Traumata, ein weltweites Sich-beieinander-Unterhaken, Schritt für Schritt, wichtig ist: zusammen und in dieselbe Richtung.“
Wie facettenreich diese Emotion sein kann, erläutert Wittwer in der ersten Hälfte des Buches. Unter der Überschrift „WUT“ finden sich Geschichten über all jene Frauen, die wütend sind oder es hätten sein dürfen. Spielend leicht spannt Wittwer den Bogen von den Furien aus der griechischen Mythologie, die völlig zu Unrecht „als irrationale und unberechenbare Wesen“ dargestellt wurden, über (Stief-)Mütter, deren Bild (nicht nur in Märchen) oft als wütende Figur überzeichnet wird, bis hin zu Social Media Phänomenen, wie etwa dem Begriff „angry feminists“, mit dem die berechtige Wut von Frauen schnell zur vermeintlichen Hysterie degradiert wird. Wittwer schafft Raum für Wut und zeigt eindrücklich: Frauen sind im Laufe der Geschichte der Menschheit nicht wütend genug gewesen.
In der zweiten Hälfte des Buches verschiebt sich der Fokus: Unter dem Titel „ZUSAMMENHALT“ spricht die Autorin über weibliche Solidarität. Zu lange wurden Frauen gegeneinander ausgespielt und als „stutenbissig“ abgestempelt. Wittwer zeigt, dass sich das Blatt langsam zu wenden beginnt, und immer mehr Frauen der Gen-Z erkennen, dass sie Seite an Seite stehen sollten – im Internet wie im echten Leben.
„Wir, die Töchter Nemesis‘.“
Mit „Nemesis Töchter‘“ gelingt Wittwer ein starkes Plädoyer für Frauen und die Kraft weiblicher Wut. Ist der Begriff der Wut im Alltag doch häufig negativ konnotiert, zeigt die Autorin eindrücklich, welches Potenzial und welche Macht in dieser Emotion liegen. Sorgfältig recherchiert und fundiert mit Quellen belegt, verbindet Wittwer die Darstellung gesellschaftlicher Massenphänomene mit persönlichen Einzelschicksalen. Sie macht deutlich, dass Wut, Feminismus und weiblicher Zusammenhalt heute relevanter sind denn je. Denn der Feminismus ist keineswegs auserzählt. Selbst wer glaubt, die meisten feministischen Debatten und Argumente bereits zu kennen, wird von der Autorin mühelos eines Besseren belehrt.
In einem angenehm flüssigen Schreibstil verknüpft die Autorin all diese Perspektiven miteinander. Nemesis‘ Töchter liest sich so, als würde man einer guten Freundin zuhören, die sich all ihre Wut von der Seele spricht – ruhig, klar und augenöffnend.
Gerade diese Balance zwischen persönlicher Stimme und fundierter Recherche verleiht dem Buch seine besondere Kraft. Wittwer zeigt, dass weibliche Wut nicht zerstörerisch sein muss, sondern auch verbindende Energie sein kann. Damit aus der individuellen Emotion ein kollektiver Impuls wird, ein Aufruf zu Solidarität, Aufmerksamkeit und Veränderung. „Oder ein Aufruf, Banden zu bilden.“
von Margherita Ragucci

Tara-Louise Wittwer
Nemesis‘ Töchter
Knaur 2025
240 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-426-56246-8