Geheimnisse zwischen hellgrünen Wäldern und tiefgrauem Gestein
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CW: Bodyshaming, psychische und physische Gewalt, restriktive religiöse Strukturen, systematische Ausgrenzung
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Seit zehn Jahren nennt Brielle das Kloster Thornbrook nun ihr Zuhause und als ehrgeizige Novizin hat sie das feste Ziel, dort zur Akolythin aufzusteigen. Als sie eines Abends im Wald unterwegs ist, um Heilpflanzen zu sammeln, findet sie jedoch etwas, womit sie nicht gerechnet hat: Einen verletzten Mann, brutal zugerichtet und bewusstlos. Da sie ihr Gewissen nicht ignorieren kann, beschließt Brielle, ihm zu helfen, auch wenn ihr Glaube ihr jeglichen Kontakt zu Männern verbietet. Der Verletzte entpuppt sich jedoch als kein geringerer als Zephyr, der Frühlingsbringer und die göttliche Personifikation des Westwinds, der über das Gebiet Carterhaugh herrscht, in dem sich auch Brielles Abtei befindet. Allerdings ist er weniger frei, als sein Titel es vermuten lässt, und während Brielle mehr und mehr von ihm in seinen Bann gezogen wird, taucht sie tiefer in die Geheimnisse ein, die ihre Abtei, Carterhaugh und das darunterliegende Untererden verbinden, in dem mit Vorsicht zu genießendes Feenvolk und andere mythische Wesen leben.
„Ich bin eine Klinge.“
The West Wind ist der zweite Teil der The Four Winds-Reihe von Alexandra Warwick, und damit der Nachfolger von The North Wind. Wie im ersten Band der Dark Romantasy-Reihe ist der männliche Protagonist einer der vier Anemoi, die ursprünglich der griechischen Mythologie entstammen und als vier Brüder jeweils einen der Winde der Himmelsrichtungen verkörpern. Warwick ließ sich für The West Wind zudem vom griechischen Mythos um Hero und Leander sowie der schottischen Sage von Tam Lin inspirieren und schuf so ein frühlingshaft erblühendes und tiefwurzelndes Geflecht aus Mythos, verbotener Liebe und sagenumwobenen Gestalten in Buchform.
Durch die Fülle an spannungsreichen und geheimnisvollen Elementen, die Carterhaugh und vor allem Untererden zu bieten haben, ist es sehr spannend, die Welt durch Brielles Augen zu entdecken, die ihr Leben, seit sie zehn Jahre alt war, fast ausschließlich auf dem Gelände der Abtei verbracht hat. Daher ist es auch etwas schade, dass der Glaube Brielles stark an das Christentum angelehnt ist, wie die Begriffe Zingulum, Sakristei oder die Beendigung des Gebets mit „Amen“ zeigen. Bezogen auf die Fantasywelt, in der die Geschichte spielt, wäre die Gestaltung eines abstrakten Glaubens interessanter gewesen.
„Wie kann etwas, das sich so richtig anfühlt, eine Sünde sein?“
Positiv hervorzuheben sind das rücksichtsvolle und konsensgebundene Verhalten Zephyrs, obwohl er der moralisch grau angehauchte Protagonist einer Romantasy mit Dark Romance-Elementen ist, sowie die optische Gestaltung von Brielle. Anders als viele andere weibliche Heldinnen ist sie keine gertenschlanke und zarte Frau, sondern wird als groß, kräftig und mit starken Schultern beschrieben. Gleichzeitig wird deutlich, dass Zephyr Brielle einfach attraktiv findet, weder explizit ‚wegen‘ noch ‚trotz‘ ihrer Figur. Warwick gestaltet ihre Heldin folglich bewusst entgegen einer über hundert Jahre alten Tradition und sorgt so gleichermaßen für mehr Sichtbarkeit und Normalität, ohne einen bestimmten Körpertyp zu fetischisieren. Zeitgleich sind körperbedingte Unsicherheiten Brielles und Bodyshaming durch andere Novizinnen dennoch Teil des Romans, womit sie aktiv auf ein gesellschaftliches Problem unserer heutigen Zeit aufmerksam macht, und die damit zusammenhängende Stigmatisierung nicht einfach unter den Tisch fallen lässt.
The West Wind ist eine wunderbar fantasievoll gestaltete Liebesgeschichte voller Spannung und Mythos, die sich wie ein von Feen begleiteter Waldspaziergang anfühlt, bei dem man sich auf abgelegene Pfade begibt. Auch dieses Buch überzeugt als Vertreter seines Genres und macht Lust auf die verbleibenden zwei Romane der Reihe. Wer moderne Liebesgeschichten und von Sagen und Mythen inspirierte Romane mag, wird an The West Wind definitiv Freude haben.
von Nike Kutzner

Alexandra Warwick
The West Wind. Reich aus Licht und Dornen
Aus dem Englischen von Anne-Marie Wachs und Simone Jakob
arsedition 2025
576 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-8458-6108-1