Von „Haben Sie schon mal illegal eine Niere gespendet?“, Trump als Mad King und der Spaltpersönlichkeit, den USA privat verbunden zu sein, aber beruflich ihre final verwirkte Verlässlichkeit anzuerkennen
Rieke Havertz ist für ihr Buch Goodbye, Amerika? Die USA und wir – eine Neuvermessung?, das im November 2025 erschien, auf Lesereise. In der Coburger Buchhandlung Riemann stellt die internationale Korrespondentin der ZEIT am 22. April 2026 ihr Buch vor und geht mit dem faszinierten Publikum in einen intensiven Austausch.
Das im Durchschnitt eher ältere Publikum der ausverkauften Lesung kennt die Autorin und Journalistin mehrheitlich durch ihren Podcast OK, America?, den sie gemeinsam mit Klaus Brinkbäumer führt. Bevor es losgeht, tauschen sich schon viele Gäst*innen darüber aus, bereits Fans des Podcasts zu sein und Havertz‘ Buch begeistert gelesen zu haben. In Goodbye, Amerika? führt die Autorin ihre journalistischen Recherchen zusammen, bringt der Leser*innenschaft ihre USA näher und erklärt die Entwicklung des Landes, besonders in den letzten Wahlperioden.
Souverän, scharfsinnig, unterhaltsam
Zu Beginn erzählt Havertz von der Genese des Buches – man kann als Leser*in nur froh sein, dass der Aufbau Verlag so hartnäckig war und immer wieder mit der Idee eines solchen Buches auf sie zukam, bis sie dann, als sie Thanksgiving 2024 bei ihrer American Family verbrachte, zusagte. Darauf folgen im Wechsel gelesene Passagen aus den überaus passend gewählten Kapiteln Oh, Ohio sowie Arroganz und Fragen aus dem Publikum. Die Veranstaltung kommt außer einer Begrüßung und Verabschiedung durch den Buchhändler Martin Vögele ohne Moderation aus, Havertz führt eigenständig und überaus gekonnt durch den Abend. Ihr sehr souveränes Auftreten schlägt sich auch darin nieder, dass sie alle Fragen des Publikums ausführlich beantwortet und dabei unterhaltsamen Humor sowie analytische Schärfe miteinander verwebt. Gerade deshalb ist es schade, wenn zwei ältere Männer, statt die Möglichkeit zu schätzen, Havertz als Expertin nach ihrer Einschätzung zu fragen, ihr ins Wort fallen und primär eine Bühne für ihre eigenen Takes suchen. Doch solche unangebrachten Unhöflichkeiten können Havertz‘ Professionalität nichts anhaben, auch wenn sie diese natürlich eigentlich gar nicht zu meistern haben sollte.
Havertz gibt im Buch sowie im Gespräch Einblicke in ihre eigene Diskrepanz zu den USA. Einerseits ist sie geprägt, von der persönliche Verbundenheit und dem Wunsch der Bitte ihrer American Mom, sie – die Menschen sowie das Land – noch nicht aufzugeben, nachzukommen. Andererseits beschäftigt sie die politische Gewissheit, dass, sogar wenn der nächste US-Präsident ein Demokrat sei, die Verlässlichkeit der USA dauerhaft vorbei ist. Trumps Inszenierung von Religiosität, um Wähler*innen zu binden, seine ,Diplomatie‘, die nur Druck und am lautesten schreien kennt, seine Mad-King-Allüren und der gesellschaftliche Rückzug ins Private angesichts der Polarisierung debattiert Havertz angeregt mit dem Publikum. Auf die schwerwiegende Frage, wie sich die USA zu ihrem heutigen Zustand wandeln konnte, skizziert Havertz drei Faktoren: die rhetorische Verschärfung der republikanischen Partei durch Newt Gingrich, der Wandel der Medienberichterstattung weg von Objektivität hin zu Meinung und der Verstärkung von Echokammern sowie die Wahl Barack Obamas, die eine bestimmte Gruppe von Menschen mobilisierte, die es nicht aushielt, dass ein Schwarzer Mann Präsident wurde.
Originelle Anekdoten und Bewunderung für journalistisches Selbstverständnis
Besonders gewinnbringend sind die spannenden Hintergrundinformationen, die man auf Lesungen erfährt und damit wartet auch Havertz auf. Eindrücklich erzählt sie vom turbulenten journalistischen Alltag. Als das Ultimatum Trumps an Iran in der Nacht deutscher Zeit ablief, beruft das zuständige Team der ZEIT eine Frühkonferenz für sechs Uhr morgens ein, um der erratischen Außenpolitik Trumps in der Berichterstattung Herr zu werden – und dennoch wacht Havertz in der Nacht stündlich auf, um auf dem Handy zu checken, ob es zum Eklat kam. Speziell auf eine Frage hin, in der eine Gästin ihre Sorge äußert, bei der Einreise in die USA in Zukunft ihre Social-Media-Bewegungen offenlegen zu müssen, berichtet Havertz davon, dass mit ihrem journalistischen Visum bis jetzt alles gut ging, obwohl sie seit 2016 sehr kritisch und prominent über die USA berichtet und der umfassende Background-Check für ein solches Visum auch die Angabe, ob man schon einmal illegal eine Niere gespendet hat, beinhaltet.
Trotz des persönlichen großen Schmerzes, den Havertz bei der Entwicklung der USA empfindet, trennt sie diese private Seite klar von ihrer beruflichen. Sie betont, dass es ihr journalistisches Verständnis ist, die Menschen in den USA verstehen zu wollen, und neugierig auf das Land zu bleiben. Das sei nur möglich, wenn sie ihren Interviewpartner*innen nicht ihre europäische, liberale Meinung präsentiert und darstellt, warum deren möglicherweise diametrale Meinung falsch sei, sondern ihnen interessiert und neutral begegnet. Ihre journalistische Verantwortung sei es mit der nötigen Nüchternheit darüber zu berichten – die Leser*innen können sich damit dann schon ihre eigene Meinung über die USA bilden. Sie scheut sich ebenfalls nicht vor Selbstkritik. Sie erkennt beispielsweise an, dass sie in ihrer eigenen Berichterstattung im Februar 2024 nicht deutlich genug gemacht hat, dass der damalige US-Präsident Biden nicht mehr fit genug für das Amt ist, obwohl eine solche bestimmte Einschätzung richtig gewesen wäre.
Eine bewundernswerte Einstellung und Praxis einer scharfsinnigen wie sympathischen Autorin, deren Lesungen mit Nachdruck zu empfehlen sind – bis Juni findet sich noch in Berlin, Aachen, Prüm, Darmstadt, Wuppertal und Dortmund die Gelegenheit.
von Michaela Minder

