Leipziger Buchmesse 2026
Leipziger Buchmesse 2026

Leipziger Buchmesse 2026

Rezensöhnchen @ Leipziger Buchmesse

Unter dem Motto Wo Geschichten uns verbinden tauschten sich vom 19. bis zum 22. März Verlage, Autor*innen, Medien und Leser*innen auf der Leipziger Buchmesse 2026 aus. Auch dieses Jahr fand sie wieder gemeinsam mit der Manga-Comic-Con und dem Lesefest Leipzig liest statt. Wir waren natürlich auch vor Ort:

Mit großen Erwartungen betrat Si Hyun die Leipziger Buchmesse. Schon am ersten Tag der Eröffnung standen große Menschenmengen Schlange. Durch die Menschenmasse wurde Si Hyun in die dritte Halle geführt, ohne genau zu wissen, wo sie sich befand. Nachdem sich die Menge etwas verteilt hatte, konnte sie schließlich feststellen, in welcher Halle sie war. In der dritten Halle, wie in der ersten, waren zahlreiche Manga-Charaktere zu sehen. Man konnte viele Menschen im Cosplay, zum Beispiel Figuren aus den Manga-Serien One Piece und Demon Slayer, sehen. In der bunten und farbenfrohen Atmosphäre der Hallen 1 und 3 verspürte sie zunächst ein leichtes Schwindelgefühl, doch dieses verwandelte sich bald in Freude, da dort viele interessante Elemente ausgestellt waren und sie mit dem Betrachten beschäftigt war. Schließlich ging sie weiter in die Hallen 2 und 4, in denen sich viel deutsche Literatur befande. Sie wollte viele Bücher kaufen, die ihr gut gefallen hatten, doch musste sich abhalten, da zu Hause noch viele ungelesene auf sie warteten. Es gab auch viele verschiedene Lesungen und Veranstaltungen zum Thema der Bildungsförderung bei Kindern, einem sehr bedeutsamen Aspekt der Erziehung. Dabei ging es darum, wie sich emotionale Beziehungen in der Schule auf das Lernen von Kindern auswirken.

„Emotionale Intelligenz ist Neurobiologie.“

Während des Vortrags wurde erklärt, wenn man sich in einer stressigen Situation – etwa im Unterricht oder in der Familie – befindet, beschleunigt sich die Atmung und das Gehirn erhält weniger Sauerstoff, wodurch die Konzentration beim Lernen erschwert wird. Die Lernfähigkeit hängt somit stark vom Umfeld der Kinder ab, insbesondere von den emotionalen Beziehungen, die sie erleben. Diese interessante Vorlesung hinterließ bei ihr einen guten Eindruck. Leider war die Buchmesse nicht so groß wie die Frankfurter Buchmesse – zumindest empfand Si Hyun das so –, da sie alles innerhalb eines halben Tages besichtigen konnte.

Zum Schluss besuchte sie noch Halle 5 und sah sich internationale Bücher an, doch diese hinterließen keinen besonders starken Eindruck. Dennoch konnte man dort an einem Tag viel Spaß haben, und im Vergleich zur Frankfurter Buchmesse gab es viele unterschiedliche Werke, wie zum Beispiel auch Mangas.

Lernen und Staunen

Nachdem sie den Donnerstagnachmittag vor allem nutzte, um sich einen Überblick zu verschaffen und sich mit dem riesigen Messegelände in Leipzig vertraut zu machen, stürzte sich Annika am Freitagmorgen (etwas verspätet, dank Deutscher Bahn) voller Energie ins Getümmel.

Los ging es in Halle 4 beim Forum Zwischenzeilen und der Podiumsdiskussion „Qu(e)er gelesen – qu(e)er geschrieben“ veranstaltet vom Selfpublisher-Verband e.V. Dort wurde queere Repräsentation und Sensibilität im Schreibprozess diskutiert. Einig war man sich, dass es definitiv Fortschritte auf dem Buchmarkt gibt, was gelungene queere Repräsentation angeht. Mehr und mehr queere Geschichten werden veröffentlicht und mit Heated Rivalry gab es erst kürzlich einen internationalen Bestseller. Leider gälte queerer Content jedoch immer noch als schwer verkäuflich und oft denken Verlage, dass mit ein oder zwei Titeln im Katalog genug für queere Repräsentation getan sei. Hinzu käme, dass Geschichten über queere Männer sich erheblich besser verkaufen als andere queere Paare, was große Teile der Community nicht repräsentiert. Gewarnt wurde auch vor Klischees in der queeren Repräsentation. Dazu gehört, queeren Charakteren immer nur ein trauriges Ende zukommen zu lassen, oder sie ihre Queerness nicht leben zu lassen, sondern eben diese nur als Tool zu nutzen, um zu zeigen wie tolerant und weltoffen cis/straighte Protagonist*innen sind. Trotzdem wurden Ermutigungen ausgesprochen, weiter queere Charaktere zu schreiben, egal ob Autor*innen selbst queer sind oder nicht. Wichtig sind dabei jedoch gute Recherche und ein sensibler Umgang mit der Thematik.

Direkt im Anschluss ging es – thematisch passend – weiter zur Halle 3, spezifisch dem Second Chances Buchverlag. Dieser Verlag verlegt die deutsche Ausgabe des internationalen Bestsellers Heated Rivalry, dessen Serien-Adaption diesen Winter ein riesiger Hit war. Angekündigt war eine Sonderausgabe des Buches, speziell für die Leipziger Buchmesse und wie erwartet, war schon früh viel los am Stand. Im Verlauf des Tages erschienen zudem die Coverdesignerin der Sonderedition und die Übersetzerin des Buches für Signierstunden.

Die Podiumsdiskussion „Mensch oder Maschine? – Kann KI Lektor:innen ersetzen“ um 14 Uhr, ebenfalls beim Forum Zwischenzeilen, setzte sich mit den Gefahren und Möglichkeiten der Nutzung von künstlicher Intelligenz im Lektorat auseinander. Expert*innen Henrike Doerr und Alexander Seifert diskutierten hier mit klar formulierten Argumenten ein Thema, das vermutlich in den kommenden Jahren immer relevanter werden wird. Doerr schien sehr skeptisch gegenüber der bisherigen Nutzung von KI zu sein und kritisierte vor allem die Vorstellung vieler Menschen, dass KI leicht zu bedienen sei und das aktive Erlernen von Fähigkeiten ersetzen könne. Es brauche Textkompetenz, verbunden mit KI-Kompetenz, um besseres Lektorieren möglich zu machen und dabei nicht die Kreativität der Autoren zu entwerten. Seifert schien KI weniger zurückhaltend zu behandeln und gab offen zu, sie schon regelmäßig in Lektoratsarbeit zu nutzen. Er unterschied jedoch klar zwischen der Korrektur, bei welcher er wenig Probleme sehe, KI zu nutzen und anderen kreativeren Prozessen des Lektorats, für die KI nicht geeignet sei. Beide Expert*innen waren sich einig, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Texten und genaues Artikulieren wichtig im Umgang mit KI sind. Fortbildungen und Schulungen, die zu dem Thema angeboten werden, sollten definitiv höhere Nutzung finden.

Anschließend ging es für Annika zu ihrem persönlichen Highlight der Buchmesse in Leipzig: Halle 1 und 3, die Manga Comic Con. Als großer Fan von Mangas und Graphic Novels gab es hier unglaublich viel zu entdecken. Illustrator*innen und Autor*innen signierten ihre Werke an den Ständen der Verlage, Künstler*innen verkauften ihre Werke in der Artist Alley und Cosplayer*innen wuselten herum und ließen Besucher*innen erstaunt zurück. Die Manga Comic Con (und vor allem die Artist Alley) macht die Leipziger Buchmesse, im Kontrast zur Frankfurter Buchmesse, zu einem Event des Fan-Seins, bei dem man vor Freude quietschen möchte, wenn man doch noch einen Sticker zu seinem Lieblingsmanga oder einen Print eines Charakters aus seinem Lieblingsbuch findet.

Nach den wunderbaren Eindrücken in Halle 1, endete der Besuch jedoch leider etwas enttäuschend mit der Podiumsdiskussion „Employability und Buchmarkt: Wie der Berufseinstieg nach dem Studium aussehen kann“ im Fachforum + in Halle 5. Kurz gesagt, hatte Annika den Eindruck, dass die „Diskussion“ eine ziemliche Themaverfehlung war. Veranstaltet vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. waren drei Redner*innen eingeladen: Prof. Dr. Anke Vogel (Universität Mainz), Prof. Dr. Sven Stollfuß (Universität Leipzig) und Prof. Dr. Okke Schlütter (Hochschule der Medien Stuttgart). Anstatt jedoch zu erläutern, wie ein möglicher Einstieg in den Arbeitsmarkt im Buch- und Medienberreich aussehen kann, schienen die Professor*innen vor allem daran interessiert, ihre Lehrstühle und Studiengänge zu bewerben. Betont wurde immer wieder, welche Kurse die jeweiligen Universitäten anbieten, die mit dem Bereich Literatur zusammenhängen, allerdings wurden wenige Möglichkeiten dargelegt, wie der Sprung von Studium zu Beruf funktionieren kann. Angemessen wäre es gewesen, nicht nur Akademiker*innen, sondern auch in der Buchbranche aktiv Arbeitende zu Wort kommen zu lassen.

Schwerer werden. Leichter sein.

Redaktionsmitglied Jasmin machte sich am Freitag, den 20.03.2026 bereits um 5:00 Uhr morgens auf den Weg nach Leipzig, um trotz Regionalbahn pünktlich an der Literaturbühne beim Talk von Jaqueline Schreiber zu sein. In einem erfrischenden, tiefgründigen und unterhaltsamen Wortwechsel mit Katty Salié gab sie Einblicke in ihren kürzlich erschienen Essayband Schwimmen/Schweben. Die Autorin charakterisierte Schwimmbäder als Orte der Solidarität und Gleichwürdigkeit, die es zu nutzen und zu bewahren gilt. Ihre Liebeserklärung an das Schwimmen lud dazu ein, selbst vom Freibadsommer zu träumen. Gleichzeitig machte sie permanent deutlich: Schwimmen ist viel mehr. Denn klar ist auch: Schwimmen ist politisch. Schwimmen heißt laut Schreiber, sich zu begegnen, sich auszuhalten, sich zu zeigen. Insgesamt war es ein rundum gelungener Programmpunkt.

Nach diesem gelungenen Auftakt schlenderte Jasmin beschwingt durch die Hallen, bevor sie sich 12:30 Uhr bei der Lesung von Martin Thoms einfand, der aus seinem frisch an diesem Tag erschienen theologischen Sachbuch Die biblische Urgeschichte las. Thoms schien dabei routiniert und sehr professionell. Ihm gelang es sehr gut, das Gesamtwerk zugänglich zu machen und gleichzeitig interessante Details hervorzuheben. Zusätzlich erfuhr man hilfreiche Hintergrundinformationen über den Rechercheprozess und seine eigene Glaubensbiografie. Trotz des nischigen Themas war der Andrang recht groß und das Buch war am Nachmittag bereits ausverkauft. Die Lesung entsprach vollumfänglich Jasmins Erwartungen und sie freute sich sehr, im Anschluss kurz mit dem Autor sprechen zu können und ein signiertes Rezensionsexemplar mitnehmen zu dürfen.

Mittags füllten sich die Messehallen weiter an und Jasmin war bald erschöpft von den vielen Reizen und genervt vom Gedrängel und Geschubse. Deshalb machte sie sich zeitnah auf den Heimweg und schaute später noch in der Mediathek den Talk von Alena Schröder über ihren neuen Roman Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel.

Messe der Gegensätze

Rezensöhnchen-Mitglied Friederike ist schon ein alter Hase, wenn es um die Leipziger Buchmesse geht. Früher als Privatperson, heute als Presse für das Rezensöhnchen, kommen bei ihr fast acht Jahre Messe-Erfahrung zusammen. Auch wenn man als Person wächst, dazulernt und neue Interessengebiete erschließt, blieb die LBM immer eine Konstante im Leseleben. Dieses Jahr erwies sich dies als Fluch und Segen zugleich. Das Messegelände ist so vertraut, dass man auch ohne Lageplan weiß, was in welchen Hallen zu finden sein wird, welche die besten Laufwege zwischen den Messehallen sind, welche Toiletten potenziell weniger stark überlaufen sind. Einerseits ist die Messe bekanntes Gebiet, andererseits geht dadurch ein bisschen das Wunder verloren. Neues entdeckt man nur noch selten, muss zwischen den Messeständen regelrecht danach suchen. Der Geräuschpegel überrascht dennoch immer wieder und je älter man wird, desto schwerer fällt es ihn wegzustecken. LBM 2026 hatte den zusätzlichen Charme des Temperaturunterschieds, draußen kalt und pfui, drinnen bald heiß und stickig. Aber zu lange konnte man nicht im Freibereich durchatmen, sonst holte man sich eine Erkältung.

Zu Gesprächen und Talks zu kommen wird zunehmend schwieriger, weil man ja doch an jeder Ecke ein bekanntes Gesicht sieht und sich kurz austauschen will, die Reizüberflutung einen erwischt und man sich lieber ein stilles Eckchen sucht, um durchzuatmen. Man möchte sich teleportieren, um alle Wunschtermine wahrzunehmen, am besten auch noch in Teile spalten, um parallel stattfindende Veranstaltungen mitnehmen zu können. Muss Abwägen, was man nun vorzieht oder wofür man noch realistisch Energie übrighat. Zudem wird den meisten Talks zu wenig Zeit eingeräumt, um wirklich in die Tiefe der Themen vorzudringen. In dreißig Minuten hat man kaum Zeit ein Thema darzulegen, man hat gerade die Vorstellungsrunde geschafft, da ist es auch schon fast wieder Zeit aufzuhören. So blieben die meisten Talks und Diskussionen seicht, kamen nicht über den Vorstellungscharakter hinaus, obwohl doch gerade Buchmessen die Möglichkeit hätten, nischige Themen zu bedienen. Diskussionen über die Buchbranche finden zunehmend auch außerhalb der heiligen Hallen statt (und sind gut zugänglich durch soziale Medien). Hinzu kommt, dass irgendwie auch immer dieselben Themen rausgekramt werden, sodass man beinahe schon ein Bingo erstellen kann, was rund um die Buchmesse diskutiert werden wird. Da tut sich die Frage auf, ob die Branche sich selbst sabotiert, wenn sie sich in den immer selben Themen verliert, ohne dahingehend jemals wirklichen Fortschritt zu machen. Nicht nur Leser*innen haben von diesen Problemen berichtet, auch Autor*innen wie Kerstin Gier haben über den sich ändernden Ton der Buchbranche gesprochen, der immer mehr ins Negative abrutscht. Mehr denn je wurde dieses Jahr deutlich, dass die Messe bereitwillig das Geld der Besucher*innen schluckt, aber einen Teil der Leserschaft immer noch in zweiter Klasse betrachtet. So entstand die x-te Diskussion rund um das Genre Romance und Dark Romance, die selbst von seriösen Pressehäusern mehr als mangelnd recherchiert wurde und lediglich wie Clickbait behandelt wird.

LBM 2026 war desillusionierend, ein Strudel aus Altbekanntem und Problematischem, mit einem scheinbar inhärenten Widerwillen zur Weiterentwicklung.

von Annika Enninghorst, Friederike Brückmann, Jasmin Fuchs und Si Hyun Joo

v.l.n. r.: Bild 1-4: @Friederike Brückmann, Bild 5&6: @Si Hyun Joo, Bild 7: @Jasmis Fuchs (Talk Jaqueline Schreiber Schwimmen/Schweben), Bild 8: @Jasmis Fuchs (Lesung Martin Thoms Die biblische Urgeschichte)

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