Immer weiterfahren
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CW: Krieg, Rassismus, Spielsucht, Tod, Trauma
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„Die Autobahn hat ihre eigenen Gesetze. Kennst du sie nicht, kommst du nicht nach Hause.“, sagte schon Sandras Vater. Auch sie lebt nach dieser Maxime und fährt immer weiter und weiter. Als Lkw-Fahrerin ist Sandra auf die Straße angewiesen – und mehr denn je, seit sie ihren Mann, das Sorgerecht für ihre Tochter Mia und all ihre Rücklagen verloren hat. Ein allerletztes Mal soll es mit Mia und ihrem viel zu alten Lkw durch Europa gehen und die Fahrt ihres Lebens werden. Doch als eine unbekannte Fracht dazukommt, muss Sandra die richtige Ausfahrt nehmen.
Zwischen Reue und Raststätten
Domenico Müllensiefens Romane zeichnen sich durch eine hohe emotionale Dichte aus, und auch Manchmal muss man sich entscheiden bildet hier keine Ausnahme. Wir folgen der Protagonistin Sandra, eine Frau im männerdominierten Feld der Fernfahrer*innen, die zusammen mit ihrer Teenagertochter noch ein letztes Mal durch Europa tourt. Die Stimmung ist mal gereizt, mal unterkühlt. Während ihre Mutter fährt, verliert sich Mia in ihrem Videospiel oder vapt unerlaubt in der Fahrerkabine. Und dann ist da noch Dirk, den man bereits aus Schnall dich an, es geht los kennt und der wie ein rostiger Anker für Sandra fungiert. Keine der Figuren des Ensembles ist ein*e Sympathieträger*in, und doch wird man in ihren Bann gezogen, will ihre Entscheidungen nachvollziehen und ihre Widersprüche aushalten.
Müllensiefen setzt dabei auf das Unerzählte und das, was unausgesprochen zwischen den Figuren steht und deren Beziehung definiert. Getragen wird das Ganze von einer Sprache, die ebenso ungeschönt wie realitätsnah ist. Die Mischung aus Derbheit und Feingefühl, wie sie bereits die Vorgängerromane auszeichnet, verleiht der Geschichte ihre Ecken, Kanten und Authentizität.
Eine Fahrt ins Ungewisse
Die abgehangene Protagonistin Sandra reiht sich nahtlos ins Müllensiefen’sche Universum ein: Wie die Hauptfiguren von Aus unseren Feuern und Schnall dich an, es geht los ist auch sie im Osten der Nachwendezeit aufgewachsen – enttäuscht, wütend und geprägt von persönlichen und gesellschaftlichen Brüchen. Diese Erfahrungen werden mit aktuellen Gegenwartsdebatten verknüpft. So spannt Müllensiefen den Bogen zu Krieg, Rassismus, Migration und sozialem Abstieg. Gerade hier liegt neben der großen Stärke auch eine kleine Schwäche des Romans: Vieles wird angerissen, einiges bleibt bewusst unausgeführt. Hierbei hätte der Roman ruhig noch etwas mehr ausholen dürfen, um die angeschnittenen Spannungspunkte weiter auszuloten.
So ist Manchmal muss man sich entscheiden ein kurzer Roman mit Wucht. Im Scheinwerferlicht steht eine Frau, die zwischen Verlust, geplatzten Träumen und Zukunftsangst immer weiterfährt. Und dennoch bleibt als Leser*in die Hoffnung, dass sie sich endlich für einen Weg entscheidet und ankommt. Kein Buch für Zwischendurch – aber diese Entscheidung liegt bei euch.
von Celine Buschbeck

Domenico Müllensiefen
Manchmal muss man sich entscheiden
Kanon 2026
192 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-98568-204-1