Anna Babbel, Samuel Kloft, Stefanie Kloft (Hg.) – Gott wohnt in der Platte
Anna Babbel, Samuel Kloft, Stefanie Kloft (Hg.) – Gott wohnt in der Platte

Anna Babbel, Samuel Kloft, Stefanie Kloft (Hg.) – Gott wohnt in der Platte

Warum es für Kirche auf Augenhöhe mehr braucht als Almosen

CW: Klassismus

Gott wohnt in der Platte ist ein Gemeinschaftswerk von zahlreichen Autor*innen aus Ost- und Westdeutschland, die sich mit der Frage beschäftigen: Wie kann Kirche für Menschen aus allen Milieus ansprechend sein? Die Autor*innen werben darum, dass Kirche Menschen aus gesellschaftliche Randbereiche nicht zu einer Aufgabe, sondern zu einem gleichberechtigten Teil ihrer selbst machen soll. Sie rücken diakonische Tätigkeiten in ein neues Licht und üben mutig Selbstkritik. Dabei bleiben sie eng an der christlichen Botschaft und orientieren sich an Jesus selbst. Einige Text sind eher analytisch, andere zeigen praktische Lösungsansätze.

„Das Fatale ist, je wohler sich die einen fühlen, desto mehr werden andere abgestoßen.“

Das Buch gliedert sich in zwei Teile, wobei zuerst der Lebensraum „Platte“ näher beleuchtet wird und anschließend Ideen für Gemeinschaft auf Augenhöhe entwickelt werden. In den unterschiedlichen Essays werden zahlreiche Facetten der Debatte rund um Klassismus und soziale Milieus verhandelt. Viele der Autor*innen sind selbst in kirchlichen Einrichtungen für Menschen aus prekären Verhältnissen tätig. Einige der Fragen sind: Was bedeutet Mission? Wie ermöglichen wir Zugehörigkeit und Begegnungen auf Augenhöhe? Wie kann Diskriminierung verhindert werden? Es werden nicht nur innerchristliche Perspektiven besprochen, sondern Kirche wird permanent hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung befragt.

„Mensch müssen nicht nur vorkommen, sondern mitentscheiden dürfen. […] Es braucht eine entlastende Sprache. Räume ohne Performance-Druck. […] Eine Kirche, die Ambivalenz aushält und darin Gott begegnet.“ In diesem Zitat zeigt sich exemplarisch die Grundhaltung vieler Autor*innen, die von pädagogischem Feingefühl und theologischer Klarheit geprägt ist. Aktuelle politische Fragen werden aus biblischer Sicht beleuchtet und vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes wird um ein gelingendes Miteinander gerungen. Dabei wechseln sich abstrakte Analysen und anekdotische Erzählungen in geeigneter Weise und werden in prägnanten Handlungsempfehlungen zusammengefasst.

„Dass zehn Tage vor Monatsende kein Geld mehr da ist, ist ein real existierendes Problem. Das gilt es nicht zu bewerten, sondern zu verstehen.“

Am Ende jedes Beitrages erhält man eine kurze biografische Angabe zu den Autor*innen, welche oft eine hilfreiche Einordnung bieten. Schade ist, dass im Buch hauptsächlich Erfahrungsberichte von Aufsteiger*innen geteilt werden und Originaltöne von Menschen, die aktuell in prekären Verhältnissen leben, kaum zu finden sind. Stattdessen überwiegen die Beiträge von Akademiker*innen. Vielfalt kommt hingegen durch Akteur*innen aus unterschiedlichen kirchlichen Einrichtungen wunderbar zum Klingen.

„Es braucht ein ehrliches Hinterfragen unserer Strukturen: Wem verleihen wir Macht und warum? Welche Kultur verkörpern wir, welchen Habitus erwarten wir von Menschen innerhalb unserer Gemeinschaften?“

Besonders gelungen ist das Kapitel von Samuel Kloft über die heruntergekommene Kirche. Voller Klarheit gibt er praktische Hinweise und entfaltet alltagsnahe Lösungsansätze: „Unerwünschter Rat kann Menschen beschämen und abwerten. Ich möchte Menschen mit der Haltung begegnen, dass sie selbst Expert*innen für ihre Lebensrealität sind.“ Seine Worte zeugen von authentischer Nächstenliebe, die zum Mitmachen einlädt.

Gott wohnt in der Platte leistete einen wertvollen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Klassismus, welches leider in christlichen Kreisen bisher zu wenig Beachtung fand. Hoffentlich findet das Buch zahlreiche Leser*innen, die sich zum Weiterdenken anregen lassen.

von Jasmin Fuchs

Anna Babbel, Samuel Kloft, Stefanie Kloft (Hg.)
Gott wohnt in der Platte
Neukirchener 2026
175 Seiten
22,00 Euro
ISBN 9783761571064

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