„So ist meine Angst schlussendlich die Reaktion auf all die Erfahrungen körperlicher, psychischer, sexueller, ökonomischer, digitaler und struktureller Gewalt, die ich im Lauf meines Lebens erfahren habe. Und jede einzelne der Aktionen war mit einem Mann verbunden.“
Nicole List arbeitet seit zehn Jahren als Buchhändlerin und besitzt seit 2023 eine eigene Buchhandlung. Mit dieser Expertise ist sie in Fernsehen und sozialen Medien vertreten. Nun folgt ihr eigenes Debüt in Form eines Essays. Sie erklärt ihre Angst vor Männern, die stellvertretend für die Angst von Frauen vor Männern steht und richtet sich dabei besonders an besagte Männer. Der Titel erinnert an Vivek Shayas I’m Afraid of Men., das eine transfeminine Perspektive einnimmt.
Bei einem Date den Live-Standort an die Freundinnen schicken, sich in den Öffis lieber neben eine andere Frau setzen, den Haustürschlüssel auf dem Nachhauseweg zwischen die Finger klemmen, … die Liste lässt sich ewig weiterführen – von Frauen wie den Leserinnen und der Autorin. All diese Versuche des Schutzes gründen sich in der Angst davor, Gewalt von Männern zu erfahren, Angst davor, zum Femizid zu werden. List widmet sich den diversen Dimensionen der Angst vor Männern mit einem stark persönlichen Bezug in prägnanten Kapiteln, die unterschiedliche Schwerpunkte beleuchten. Sie reichen beispielsweise von einem verlorenen Urvertrauen, über die Vereinbarkeit von Angst und Liebe bis zur Möglichkeit sowie den Parametern eines Endes der Angst. Überwiegend beginnen die Kapitel mit Berichten persönlicher Situationen, in denen die Autorin Angst vor Männern hat(te). Schnell wird klar, wie universell solche Erfahrungen sind. Obwohl sich List auch in ihrer anschließenden Argumentation stark an persönlichen Referenzen bedient, nimmt sie diese nicht ausschließlich als Beleg, sondern verweist an diversen Stellen auf entsprechende Studien.
„Männer können mir alles nehmen, aber ich darf nicht mal meine eigenen Erfahrungen schildern, so wie sie waren.“
Die Autorin erzählt von ihren Tätern, darf diese aber nicht nennen, keine identifizierbaren Details nennen, da sie deren Persönlichkeitsrechte wahren muss. Selbstverständlich spricht sie deren Berechtigung nicht ab, prangert jedoch an, dass ihr Persönlichkeitsrecht nicht gewahrt wurde, als die Männer zu Tätern wurden, als sie sexuell belästigt wurde, als sie Gewalt erfuhr.
Ebenfalls tariert sie ihre Angst vor dem Schweigen sowie dem Nicht-Schweigen aus. Bei letzterem läuft sie Gefahr, (gewollt) missverstanden zu werden und dass ihr Anliegen abgetan wird: „Ich habe Angst davor, dass Menschen meine Angst als völlig irrational empfinden. Ich habe Angst davor, als schwierig zu gelten. […] Vor allem habe ich Angst davor, dass Menschen, die mir nahestehen, in eine Verteidigungshaltung gehen, statt mir zuzuhören. […] Und dass ich dann wieder erklären muss. Wieder einordnen. Wieder beruhigen.“ Besonders perfide wird die Sorge um die Reaktionen in Bezug auf Frauen, die diesen Ängsten mit Unverständnis begegnen. Erfahrungen wie Lists von sich zu weisen, Männer in Schutz zu nehmen und den Status Quo als unveränderbar hinzunehmen, entlarvt die Autorin als eine gelernt verschobene Wahrnehmung dieser Frauen, die es ihnen ermöglicht, eigene ähnliche Erfahrungen, (die sie laut List sicher gemacht haben,) zu relativieren, zu normalisieren und damit auszuhalten – internalised patriarchy as a coping mechanism. Besonders vermeintlich ,traditionellen Frauen‘, die sich, ihr Leben und ihre Ideologie in den sozialen Medien als Tradwifes inszenieren, hält sie entgegen, dass sie ihre Bühne nur haben, weil andere Frauen sie im Namen der Selbstbestimmung und des Feminismus erkämpft haben.
„[W]ir brauchen schon gar keine Männer, die glauben, Frauen müssten wieder in irgendeine ,feminine Energie‘ zurückgedrängt werden, damit ihre Weltordnung intakt bleibt. Was wir brauchen, sind Männer, die Verantwortung übernehmen.“
Angst vor Männern ist primär ein Appell an Männer, besonders an die, die sich als einen der ,Guten‘ sehen und sofort abwehrend beschwichtigen: „not all men“. Die allermeisten Frauen dürften sich beim Lesen verstanden und gesehen fühlen, sind aber nicht die Zielgruppe des Buches. Männer werden als Gruppe mehrfach gesiezt und direkt angesprochen, es wird besonders ihnen die Furcht, die sie auslösen, erklärt. Das ist für Frauen nicht nötig, für sie wird nichts Neues beschrieben, sondern ihre Lebensrealitäten. Da kann frau beim Lesen nur zustimmend nicken. Frau kann wiederum nur hoffen, dass Männer Nicole Lists Buch erreicht. Und das nicht, weil sie wieder erst eine Frau darauf aufmerksam machen muss.
von Michaela Minder

Nicole List
Angst vor Männern
WASSER Publishing 2026
123 Seiten
22,50 Euro
ISBN 978-3-903618-08-4