Alexandra Warwick – The South Wind. Reich aus Blut und Gold
Alexandra Warwick – The South Wind. Reich aus Blut und Gold

Alexandra Warwick – The South Wind. Reich aus Blut und Gold

„Er und ich, wir sind wie ein unvollendetes Musikstück.“

CW: familiäre Konflikte, Krankheit, Machtmissbrauch, psychische und physische Gewalt, sexuelle Handlungen

Heiß ist es im südlichen Reich Ammara. Viel zu heiß, seit fast fünfundzwanzig Jahren. Kein Zufall, wie Prinzessin Sarai weiß, ging ihr Vater doch damals einen Handel mit dem göttlichen Herrn des Berges ein, der zwar ihr Leben als Säugling rettete, doch das Land mit einem Fluch belegte. Außerdem wird sie an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ein tödliches Schicksal ereilen – und dieser Tag rückt näher und näher. Sarais Gedanken werden jedoch von anderen Themen beherrscht. Auf Wunsch ihres Vaters soll sie sich mit Prinz Balior aus dem Nachbarreich Um Salim vermählen, um der Bevölkerung Ammaras eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Doch dieser scheint, so fühlt sie, etwas zu verbergen, so charmant sein Lächeln auch wirken mag. Und dann ist noch Notos an den Hof zurückgekehrt – Notos, einer der göttlichen Anemoi, der den Südwind verkörpert. Und derselbe Notos, der ihr vor fünf Jahren ihr Herz stahl und es von einem Tag auf den anderen zerbrach.

The South Wind. Reich aus Blut und Gold ist der dritte Teil von Alexandra Warwicks The Four Winds-Reihe. Die Grundvorlage lieferte, wie in The North Wind und The West Wind, der griechische Mythos um die göttlichen Verkörperungen der vier Winde, ein Quartett aus Brüdern, die Anemoi genannt werden. Der vorliegende Band wurde zudem um das mythologische Untier Minotaurus in seinem steinernen Labyrinth ergänzt und Sarais Schicksal an das der Märchenfigur Dornröschen angelehnt.

Positiv hervorzuheben ist, neben dem mythologisch-märchenhaften Bezug, der die Geschichte rahmt, dass Sarai und Notos bereits eine gemeinsame Vergangenheit haben. Dass sie sich nicht wie ein ‚klassisches‘ Liebespaar erst kennenlernen, ist eine interessante Abwechslung im Plot einer Romantasy-Novel. Sehr gelungen ist außerdem die Begegnung von Sarai mit ihrem sprichwörtlichen ‚inneren Kind‘, die dem inneren Kampf mit sich selbst und den Erwartungen, die an sie gerichtet werden, eine psychologische Tiefe entgegenstellen und ihn so abrunden. Leider ist die Gestaltung von Sarais Vergangenheit und der Leistungsorientiertheit, um sich die Zuneigung ihres Vaters zu verdienen, sehr klischeehaft und wirkt daher im Lauf des Romans etwas flach.

„Gott gegen Bestie. Sonne gegen Schatten. Eine Kraft des Lichts, die die Dunkelheit zurückdrängt.“

Abgesehen davon fehlt dem Roman, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, außerdem der ausgefallenere und gestalterische Tiefgang. Die einzelnen Handlungselemente sind sehr stereotyp kreiert und wirken stellenweise um ihrer selbst willen aneinandergereiht, ohne dass eine handlungsbedingte Erklärung offensichtlich würde. Manche der dargebotenen Lösungen und Begründungen erscheinen zu simpel, um ohne entsprechende Ausgestaltung in einem Buch für (junge) Erwachsene zu finden zu sein.

Klischeehaft ist auch die Darstellung des ‚schwulen besten Freundes‘, Roshar, der anfangs zudem Sarais engste Bezugsperson am Hof ist, da sie – ein weiterer Stereotyp – von den anderen Damen am Hof nur Missgunst und Intrigen erwartet und ihnen demnach misstraut. Letzterer Punkt erfährt glücklicherweise eine Aufhebung, ersterer nährt leider weiter das Vorurteil, dass die sexuelle Orientierung von Homosexuellen (vor allem bei Männern) stets deren zentrale Eigenschaft ist und zudem immer mit einem starken Interesse an Mode, affektiertem Verhalten und Crossdressing einhergeht. Diese Darstellung ist umso bedauerlicher, da Warwick in den Vorgängern dieses Buchs bereits queere Personen und Beziehungen einbaute, bei denen die sexuelle Orientierung nicht im Mittelpunkt ihres Wesens stand. Über kleine Ungereimtheiten, wie widersprüchliche Erwähnungen von Landschaftsgestaltung, Jahreszeiten oder dass Sarais Pferd als einziges nicht mit Fellfarbe benannt wird, lässt sich hinwegsehen, allerdings helfen sie auch nicht, die gesamte Handlung stimmiger zu gestalten.

The South Wind ist eine nur unzureichend gelungene Fortsetzung der vorangegangenen Bände, die jedoch durch ihre nur losen Verknüpfungen miteinander auch als Stand-Alone gelesen werden können. Der Vollständigkeit halber lohnt sich The South Wind, um das Schicksal jedes einzelnen der Anemoi mitzuverfolgen. Leser*innen müssen jedoch selbst entscheiden, ob ihnen das Buch einen Platz im eigenen Regal wert ist oder nicht. Man kann gespannt sein, wie sich der letzte Band der Reihe, The East Wind, gestalten wird.

von Nike Kutzner

Alexandra Warwick
The South Wind. Reich aus Blut und Gold
Aus dem Englischen von Simone Jakob und Anne-Marie Wachs
arsedition 2025
544 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-8458-6109-8

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert