Von der Frau, die dem Mann „als Spiegel dient, der ihn in doppelter Größe wiedergibt“
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CW: Stroboskoplicht
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Antonia Leitgeb-Busches Monologstück Who’s Afraid of Tradwives? unter der Regie von Miguel Lugasi lässt eine Trad Wife – traditionelle Ehefrau – auf schaurig getriebene Art ihre antifeministischen Überzeugungen zur Schau stellen, die sie als Freiheit von etwas definiert, anstatt Gleichberechtigung und Freiheit zu etwas erreichen zu wollen. Je mehr sie versucht dem Publikum in glühenden Vortragsreden ihr traditionelles Rollen- und Weltbild aufzudrängen, desto mehr – leise und schleichend – regt sich ein Widerstand in ihr.
„Warum soll ich denn einen random Abgeordneten wählen, wenn ich etwas viel Besseres wählen kann: Meinen Ehemann.“
Lynn Hartmüller-Steck (Leyla Bischoff) wiegt sich zur Eröffnung des Stücks summend, den Staubsauger als Tanzpartner umschlungen, zu Louis Armstrongs What A Wonderful World auf der Bühne des Gewölbekellers. Diese wunderbare Welt ist für sie Ehefrau, Mutter und Hausfrau zu sein – die Heilige Dreifaltigkeit der Trad Wife, denn „eine gute Frau hat keine eigenen Bedürfnisse“. Aufopferung für die Familie und Abhängigkeit vom Ehemann wird positiv besetzt, wird erstrebenswert. Im rosafarbenen Rüschenschlafanzug mit weißer Blumenstickerei (Ausstattung: Frieda Pielen) propagiert Lynn, was es heiße, eine gute Frau zu sein. Sie erklärt, welche Faktoren den Sexual Market Value beeinflussen und wie ein hoher Bodycount den von Frauen sinken lässt. Ihr Mann sorgt mit Komplimenten als positive Konditionierung dafür, dass sie sich ganz nach seinem Geschmack kleidet, schminkt und benimmt. Ihren Verhaltenscodex hat sie verinnerlicht: Die Lippen stets leicht geöffnet, glockenhelles Lachen und bloß nicht zu viel Selbstbewusstsein. Sie warnt die Zuschauer*innen davor, die eigenen Kinder fremdbetreuen zu lassen, da sie sonst die gleichen Cortisollevel wie Manager aufweisen würden. Ebenfalls schwingt sie das Damoklesschwert, dass ein Haushalt, der nicht blitzblank ist, ein Ausdruck von Egoismus sei, über dem Publikum. Bei all diesen Tipps und Ansichten drängt sich stets ein „… sagt Stefanie“ auf, denn diese Freundin, die als Trad Wife schon gefestigt ist, bestärkt Lynn in ihrer Indoktrination. Hier lässt Leitgeb-Busche bereist die Isolierung vom bisherigen Umfeld und die Echokammer der Bewegung subtil mitschwingen.
„Frauen sind Millionen Jahre zuhause gesessen, sodass die Wände durchdrungen waren von ihrer vergeudeten Kraft.“
Als Lynn eine Ausgabe von Virginia Woolfs Ein Zimmer für sich allein findet, beginnt eine zaghafte Dekonstruktion. Mit Bildung wird Emanzipation möglich, ein Erwachen setzt ein, wenn auch im steten Kampf mit ihren tief verankerten Überzeugungen. Woolfs Thesen verteilt sie in einer Referenz an die Anfänge der Frauenrechtsbewegung als Flugblätter unter dem Publikum. Sie hadert jedoch mit den für sie neuen Erkenntnissen, die einerseits einen wunden Punkt treffen – so gerne würde sie auch mal wieder romantisch zum Dinnerdate ausgeführt werden, anstatt den Mann zuhause wie ein Dienstmädchen zu bekochen. Andererseits fragt sie sich, wie das denn gehen soll, wenn beide Eltern 40 Stunden die Woche der Erwerbstätigkeit nachgehen und dann noch den gesamten Haushalt und die Kindererziehung zu stemmen haben. Wie soll man da Fortschritt erreichen bei den unzähligen Gender Gaps, die von Pay über Orgasm zu Financial Literacy reichen? Who’s Afraid of Tradwives? gipfelt in der Auseinandersetzung, bei der Lynns bisherige Glaubensätzen wie „Niemand mag angry women“ mit Aussagen wie „Bist du nicht zu hübsch für eine Feministin“ und dem Verlangen, dem Patriarchat endlich beide Mittelfinger zu zeigen, miteinander konkurrieren.
„Wäsche waschen, putzen, kochen, schminken, backen, Wäsche waschen, putzen, kochen, schminken, backen, Wäsche waschen, putzen, kochen, schminken, backen, Wäsche waschen, putzen, kochen, schminken, backen…“
Leitgeb-Busche verhandelt diverse Aspekte der Trad-Wife-Doktrin in der knappen Stunde, die das Stück dauert. Dadurch zeichnet sich das Stück besonders aus. Das Publikum bleibt begeistert, aber auch sehr erheitert zurück, da es viel zu lachen hatte. Letzteres lässt sich damit erklären, dass das Stück mit viel Situationskomik daherkommt und fast überbordet mit Witz angesichts der Tragik, die dem Thema eigentlich innewohnt. Es ist fraglich, ob ein derartiges Ausmaß an Punchline nach Punchline nötig ist, ob das Publikum es nur mit dieser Art von Humor aushalten kann, dass Frauen sich freiwillig in Abhängigkeiten zurückbegeben, Gleichberechtigung abbauen, Rechtskonservatismus ästhetisieren und als heilsbringend besetzen. Man hätte dem Publikum die Konfrontation sicher auch mit etwas mehr Ernst zutrauen können, statt primär auf Unterhaltung zu setzen. Der Gewölbekeller des Theaters als Bühne transportiert passend die mehrdimensionale Enge und Bedrängnis des Stücks. Einerseits bestimmen sie Lynns Leben als Trad Wife, wenn sie beispielsweise der Regel folgt, nicht mit anderen, fremden Menschen zu sprechen. Andererseits fängt der Spielort die Beklemmung ein, die man als Zuschauer*in verspürt, wenn man die auf nahezu gruselige Art krampfhafte Überzeugung von Lynns Lobhymnen auf das Leben als Trad Wife zu Beginn des Stücks hört. Abschließend vollendet die grandiose popkulturelle Musikauswahl das Stück, indem The Toten Crackhuren im Kofferraum „Bewerte mich / Sag mir meinen Preis“ singen oder Nura Ich bin eine gute Frau rappt.
Antonia Leitgeb-Busches Who’s Afraid of Tradwives? ist als Dechiffrierung der Trad-Wife-Bewegung auf der Bühne unbedingt zu empfehlen!
Weitere Aufführungen finden am 21.05., 22.05., 05.06. und 06.06. jeweils um 20 Uhr statt.
von Michaela Minder








Fotos © Jana Margarete Schuler