„Männer sagen, sie haben Performance-Druck, und ich wünschte, sie hätten dieses Gefühl der Unzulänglichkeit auch in irgendeinem anderen Bereich ihres Lebens, außerhalb des Schlafzimmers.“
Bianca Jankovska betreibt seit Jahren einen Blog namens Groschenphilosophin und ist unter gleichem Namen auch auf Instagram mit ihren feministischen Takes bekannt. Ihr Debütroman Fuckgirl begann auf der Newsletter-Plattform Substack.
Fuckgirl ist die titelgebende Protagonistin, die Female Revenge für sich als einseitig offene Ehe, in der sie alles und ihr Mann nichts darf, definiert. Sie postuliert: „Mein Unwille zur Monogamie war politisch begründet und hatte zugleich einen sex-positiven Kern. Er sollte die Unfreiheit meiner Vorfahrinnen über meine Lebensspanne hinweg ausgleichen und dabei eine Form von kosmischer Gerechtigkeit herstellen. Es störte dabei vermutlich nicht, dass ich gerne Blowjobs gab.“ Ihr Ehemann – ganz der aufrichtige Feminist – gewährt ihr diese Auffassung von ausgleichender Gerechtigkeit und fängt sie zusätzlich jedes Mal fürsorglich auf, wenn sie von anderen Männern zurückkehrt, die ihr mehr zugesetzt haben, als sie antizipierte, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt – auch nicht die Freiheiten einer offenen Ehe. In ihrem Feldzug der Selbstermächtigung sinniert Fuckgirl darüber nach, „ob Subs die einzig ertragbare Art von sexuell verfügbaren Männern“ sind und verschreibt sich der Abkehr von männlicher Anerkennung. Inwiefern ihr letzteres gelingt und sie das mit ihrem Begehren in Einklang bringen kann, sind die Leitfragen des Romans.
Nicht eine Frau, die auf die Liebe warten muss, sondern eine Frau, die sich bedient
Jankovska verteidigt ihr Buch und ihre Ansichten auf ihrem Blog und Instagram-Account vehement, wenn ihr beispielsweise vorgeworfen wird, dass Fuckgirl dasselbe mache wie Fuckboys. Sie verweist darauf, dass toxische Männer patriarchale Machtstrukturen auf ihrer Seite wissen, während Fuckgirl sich lediglich innerhalb des legalen Rahmens wehre und die begrenzten Handlungsräume, die ihr als Frau zur Verfügung stehen, nutze.
Fuckgirl ist dennoch eine Protagonistin, die herausfordert. Fuckgirl behauptet, noch nie verstanden zu haben, was an Dickpics so gruselig sein soll, da beispielsweise das Stalking doch viel gruseliger sei. Diese Haltung ist gerade vor dem Hintergrund verwunderlich, da in den sonst so ausdifferenzierten Argumentationen des Romans hier verkannt wird, welche Implikation mit einem solchen (unangefragten) Dickpic als Machtdemonstration einhergeht. Dass Fuckgirl zum einen von Sex-Positivität spricht und zum anderen davon, auf einer Fetisch-Party beim Anblick von aus einem Dessous hervorquellenden Hoden kurz würgen zu müssen oder indem sie die Gäst*innen dieser Party abwertend als „Pervs“ betitelt, zeigt ihre Inkonsequenz und Scheinheiligkeit. Warum die Autorin trans Frauen inkorrekterweise substantiviert aufführt, oder Fuckgirl es sich als cis Frau herausnehmen lässt, hetero Männer mehrfach als twinks beschreiben, irritiert ebenfalls. Einige Handlungen und Überzeugungen Fuckgirls sind für die Leser*innen nicht unbedingt nachvollziehbar. Eine ,unvollkommene, weil echte‘, bisweilen unsympathische Person als Charakter zu zeichnen ist selbstverständlich legitim, aber als Leser*in hat man mit der Bestimmtheit, mit der Fuckgirl ihr Verhalten als richtig ansieht, zu kämpfen. Ein nachdenklicherer Ton setzt erst gegen Ende des Romans ein und die Reflexion fällt im Vergleich eher kurz aus. Die Ambivalenzen als Leser*in der Protagonistin gegenüber können als gewinnbringend gewertet werden: Eine Lektüre, die veranlasst, dass man sich fragt, ob man ein*e schlechte*r Feminist*in, weil man in Punkt X Fuckgirl nicht zustimmt, sorgen für eine ernsthafte Auseinandersetzung, die zwingend erreicht, dass man die eigenen abweichenden Ansichten hinterfragt und entweder davon abkommt oder sie dadurch fundierter schärft.
„Andere Frauen sind alles, was wir haben. Sie nehmen uns nicht den Mann weg – der ist schon lange vorher weggewesen.“
Trotz dieser Herausforderungen überzeugt die Autorin mit Fuckgirl an zahlreichen Stellen. Die unerschütterliche Solidarität zu anderen Frauen ist ein besonderes Herausstellungsmerkmal des Romans. Beispielsweise reflektiert Fuckgirl ihre eigene Überheblichkeit gegenüber Frauen, die ihrer Ansicht nach in unerfüllten Beziehungen mit „mittelmäßigen, langweiligen, unattraktiven Männern“ verharren, und erkennt an, dass der Vorwurf des Bleibens an diese Frauen schlicht lächerlich sei, weil ihre Sozialisation sie auf nichts anderes getrimmt hat. Es ist keine „individuelle Schwäche, ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins“, sondern die „logische Folge einer Welt, die Frauen nichts zutraut“.
Fuckgirl ist ein Austarieren von Monogamie und Nicht-Monogamie. Jankovska geht der Frage nach, wie man es als heterosexuelle Frau selbstbestimmt mit Männern aushalten soll, wenn doch alle Erfahrung nur davon abrät, man nun aber leider nicht gegen die eigene Sexualität ankommt (die Autorin hat dem Roman eine humoristische Triggerwarnung „Heterosexualität“ vorangestellt). Trotz der Ambivalenzen ein Roman, der zu empfehlen ist!
von Michaela Minder

Bianca Jankovska
Fuckgirl
Haymon 2026
256 Seiten
26,90 Euro
ISBN 978-3-7099-8279-2