„Und da ging das Licht, das auf die Welt gefallen war, wieder aus …“
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CW: sprachlich und szenisch psychische, physische häusliche und sexualisierte Gewalt
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Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams, das 1947 uraufgeführt wurde, zählt zu den bekanntesten US-amerikanischen Theaterstücken und gilt demnach als Klassiker auf der Bühne. Die Geschichte um Verdrängung und Illusion, die auf Härte, Realität und Aggression trifft, ist in ihrer Aktualität ungebrochen und lässt dennoch einen Einblick in die Geschichte der USA zu. Unter der Regie von Harald Fuhrmann und der Dramaturgie von Philipp Brammer ist das Stück derzeit am Theater Hof zu sehen.
Sehnsucht – die hat Blanche DuBois (Alrun Herbing), eine welkende Südstaaten-Schönheit, und zwar nach ihrem früheren Leben in finanzieller Sicherheit und Glanz. Doch dieses gibt es nicht mehr und so beginnt das Stück mit dem Eintreffen Blanches bei ihrer Schwester in New Orleans. Dort angekommen ist Blanche entsetzt darüber, in welchen Zuständen ihre kleine Schwester Stella (Carolin Waltsgott) lebt. Diese wohnt sehr bescheiden mit ihrem Ehemann Stanley Kowalski (Jörn Bregenzer) zusammen, einem polnischstämmigen Mechaniker. In Blanches Augen charakterisiert Stanley sich vorrangig durch aggressive Grobheit, für Stella allerdings auch über eine starke gegenseitige sexuelle Anziehungskraft. Animalisch, wie Blanche findet, ebenso wie die Freund*innen der Kowalskis, der Pokerkumpel Pablo (Etienne Moussou) und die Vermieter*innen Steve (Benedict Friedrich) und Eunice Hubbel (Alexandra Ebert). Stanley hat für Blanche ebenso wenig übrig und beginnt die genauen Hintergründe zum Verlust des Familiensitzes der DuBois‘ und wieso seine Schwägerin derzeit nicht ihrer eigentlichen Arbeit als Lehrerin nachgeht, zu erforschen. Währenddessen macht Blanche die Bekanntschaft mit Stanleys Freund Harold „Mitch“ Mitchell (Maurice Daniel Ernst), der als einziger der Runde sensibler zu sein scheint, von ihr beeindruckt ist und damit zu einem kleinen Lichtblick in ihrem Leben wird. Das Drama spitzt sich dennoch erschütternd zu: Blanche will vor der Vergangenheit und damit der Wahrheit fliehen, und wird auf dem harten Boden der Realität zu Fall gebracht – sodass ihr schließlich niemand mehr glaubt.
„Wenn Männer trinken und Poker spielen, dann kann alles passieren. Er wusste nicht, was er tat.“
Das Ensemble des Theaters Hof schafft es auf ebenso großartige wie eindringliche Weise die Härte des Milieus wiederzugeben, in der Williams‘ Stück voller Sehnsucht spielt. Eine Sehnsucht nach etwas, das es schon lange nicht mehr gibt, und die manche, welche schon immer mit der Realität konfrontiert waren, nie kennengelernt haben – und sie auch nicht kennenlernen wollen, um ihre Realität, die sie sich aufgebaut haben, und in der sie gerade so klarkommen, nicht zu verlieren. Die Atmosphäre, in der Stella und Stanley leben, wird auch dramaturgisch zum Ausdruck gebracht. Das Bühnenbild (Jörg Zysik) besteht aus einzelnen Möbelstücken, die an unterschiedlichen Plätzen auf der erweiterten Bühne verschiedene Wohnräume darstellen sollen – ohne Wände, wie Blanche direkt zu Beginn des Stücks irritiert feststellt. Intensive Rockmusik untermalt die Szenenwechsel, bei denen abgedunkelt mit offenem Vorhang umgebaut wird, sodass man sieht, wie die Silhouetten der umbauenden Schauspielenden energisch und polternd die Möbel verrücken, ganz im Sinne ihrer Rollen.
Das Licht (Jürgen Burger) spielt ebenfalls eine tragende Rolle, nicht nur, weil Blanche nur in abgedunkelten Räumen gesehen werden will. Je nachdem spiegelt kaltweißes oder karges Licht die Härte und Intensität einer Szene wider, beispielsweise wenn Stanley Blanche bedroht, oder warmes, gelbes Licht unterstreicht die gemütliche Atmosphäre, die Blanche zusammen mit Mitch erschaffen möchte. Zu beachten sind auch die Kostüme (Jörg Zysik), in denen die Figuren ihre Rollen verkörpern. Jeanshosen und karierte Hemden charakterisieren Stanley und seine Freund*innen als Angehörige der arbeitenden Schicht, Stella trägt einfache Kleider, bequeme Leggins und Sportjacken. Blanche hingegen ist, förmlich ihrem Namen entsprechend, stets in Weiß gekleidet und trägt fließende Kleider oder einen modernen Hosenanzug. Die Gesichter der Figuren glänzen zudem sehr, was das schwüle Klima in New Orleans verdeutlichen soll.
„Niemand war so sensibel wie sie, aber Männer wie du – MÄNNER WIE DU – haben sie missbraucht und sie gezwungen, sich zu ändern!“
Die Hofer Inszenierung von Endstation Sehnsucht überzeugt durch ihre intensive, da ungeschönte, Darstellung der Aggressivität und Emotionalität in Williams‘ Stück, die trotz ihrer Erwartbarkeit sehr ergreifend ist. Entsprechend sollte man sich die Content Warnings, auf die das Theater selbst verweist, unbedingt zu Herzen nehmen. Allein wegen der eindrücklichen Schauspielleistungen der Darstellenden und dem modernen feministischen Touch sollte man sich jedoch, sofern man mit den genannten Themen kein Problem hat, die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesen Klassiker des US-amerikanischen Theaters auf der Bühne zu sehen.
Die nächsten Vorführungen finden am 07.06. und 28.06. um 18 Uhr und am 19.06., 11.07. und 15.07. um 19:30 Uhr statt. Eine Dreiviertelstunde vor Stückbeginn gibt es zudem eine Werkeinführung.
von Nike Kutzner




Fotos: © Harald Dietz