„Ich, die ich nie meine Tage hatte und Männer nicht kannte.“
—
„Die Welt, von der die Frauen mir erzählt hatten, war mir unbekannt, ich konnte sie mir nicht vorstellen, und wenn sich nach einem längeren Anstieg wieder nur das endlose wellige Gelände vor mir erstreckte, wunderte mich das nicht, weil ich ohnehin kein klares Bild von etwas anderem hatte.“
Die namenlose Ich-Erzählerin lebt unter der Erde in einem Gefängnis mit 39 Frauen, welche sie „Die Kleine“ nennen. Sie wissen nicht, warum sie hier eingesperrt wurden und wer sie überwacht. „Uns war klar gewesen, dass man uns keinen Hinweis darauf geben wollte, warum wir eingesperrt waren und am Leben gehalten wurden, aber wir waren immer davon ausgegangen, dass die Wärter es wussten. Was, wenn sie genauso ahnungslos gewesen waren wie wir?“
In der Tat weiß niemand, aus welchem Grund sie sich in dem Gefängnis befinden. Hauptsache, sie sind immer zusammen und die Frauen erklären der Kleinen ständig die Welt, in der sie früher gelebt haben. Und die Kleine fühlt sich einsam, weil sie diese Welt nicht kennt.
„Ich hatte immer das Gefühl, allein zu sein, weil ich so anders bin. Ich habe euch nie richtig verstanden, weil ich nicht wusste, wovon ihr gesprochen habt.“
Eines Tages kann sie die Welt, von der die Frauen häufig erzählt hatten, plötzlich selbst erleben. Als Gott ihren unbewussten Wunsch hörte, eröffnet sich ein Ausgang zur Außenwelt auf der Erde. Die Frauen sind verwirrt, und auch die Kleine weiß nicht, was sie machen soll. Alle Frauen gehen jedoch hinaus und freuen sich darüber, dass sie endlich aus dem Gefängnis herausgekommen sind. Aber ist es überhaupt wirklich ein Gefängnis? Wenn sie so einfach einen Ausgang an die Erdoberfläche finden konnten, hätten sie dann nicht eigentlich schon früher versuchen können, das Gefängnis zu verlassen? Oder waren sie vielmehr daran gewöhnt, in dem Gefängnis zu leben?
Nachdem sie aus dem Gefängnis herausgekommen sind, marschieren sie geradeaus los, bis sie irgendeine Unterkunft finden. Wenn sie einen Ort zum Bleiben finden, erholen sie sich dort eine Zeit lang, verlassen ihn jedoch wieder, um ziellos weiter nach vorne zu gehen. Auf dem Weg sterben die Frauen nach und nach wegen ihres Alters. Außer der Kleinen sind die meisten Frauen sehr alt, aber wie alt sie genau sind, wissen sie selbst nicht. Sie schätzen ihr Alter lediglich anhand ihres Äußeren oder ihrer Kraft ein, die ihnen noch geblieben ist.
Vom Anfang bis zum Ende des Buches gibt es keine Antwort auf die Frage, warum sie ursprünglich im Gefängnis gewesen waren oder was mit der Welt passiert ist, bevor sie unter der Erde eingesperrt wurden. Es gibt auch keine klare Antwort darauf, wer die Mutter der Kleinen war. Letztendich bleiben aber nur die Fragen, mit denen das Buch Ich, die ich Männer nicht kannte die Leser*innen inhaltlich stark fesselt, da man sich ständig fragt, wie sich die Geschichte weiter entfalten wird. Leider könnten einige Leser*innen das Buch als etwas enttäuschend empfinden, weil sie keine Antworten auf diese Fragen finden. Dennoch gelingt dem Buch die eindrucksvolle Darstellung des menschlichen Schmerzes, den die Frauen früher und bis heute erlebt haben, sowie der Einsamkeit der Kleinen, die sich ausgeschlossen fühlt, gerade weil sie die Gefühle der anderen Frauen nicht vollständig nachvollziehen kann.
Es ist ein magisches Buch ohne Fantasy-Elemente oder dramatische Wendungen, das dennoch eine außergewöhnliche Geschichte erschafft. Im Buch bleiben viele Lücken offen, auf die man keine eindeutigen Antworten finden kann. Gerade dadurch wirkt es spannend, weil man diese Lücken selbst mit eigenen Antworten füllen kann. Dieses Buch ist von Herzen empfehlenswert für alle, die über eine neue Welt lesen möchten, die zugleich mit unserem Alltag verbunden und doch völlig anders ist.
von Si hyun Joo

Jacqueline Harpman
Ich, die ich Männer nicht kannte
Aus dem Französischen von Luca Homburg
Klett-Cotta 2026
224 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-608-96670-1