Ulrich Chaussy – Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden
Ulrich Chaussy – Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden

Ulrich Chaussy – Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden

„Was nicht passend für die Alleintäterschaft war, wurde passend gemacht.“

CW: Bombenattentat, Mord, queerfeindliche Sprache

Das sogenannte Oktoberfest-Attentat, bei dem am 26. September 1980 in München dreizehn Personen, inklusive Attentäter, getötet und zahlreiche weitere verletzt wurden, ist vermutlich vielen in Deutschland ein Begriff. Weniger Leute wissen wohl, dass es sich dabei um den schwersten rechtsextremistischen Terroranschlag der Nachkriegszeit handelte. Und noch weniger erinnern sich an den nur kurze Zeit später, am 19. Dezember 1980, in Erlangen begangenen Doppelmord am Rabbi Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin Frida Poeschke. Dass beide Fälle bei genauerer Betrachtung mehr Gemeinsamkeiten haben als gedacht oder gewollt, davon berichtet Autor Ulrich Chaussey in seinem Buch Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden.

„Die Militanz, die Gefährlichkeit und die Vernetzung des Rechtsextremismus sind systematisch unterschätzt worden, damals in den 1970er und 1980er Jahren insbesondere vom konservativen Lager.“

Chaussy ist ein deutscher Investigativjournalist und sein Buch im Jahr 2025 in der mittlerweile fünften, stets erweiterten Auflage erschienen. In dichter, aber sachlich neutraler Sprache erklärt er ausführlich seine Recherchearbeiten zu den Hintergründen des Oktoberfest-Attentats. Diese begannen 1983, ein Jahr nachdem der Prozess den zu Tode gekommenen Attentäter Gundolf Köhler als Einzeltäter festgestellt und die Ermittlungen damit für beendet erklärt hatte. Köhler wurde als deprimierter und perspektivloser Alleinakteur gezeichnet, als jemand, der seinem Leben mit einem erweiterten Suizid ein Ende hatte setzen wollen. Dies jedoch stand im Widerspruch zu zahlreichen Zeug*innen des Anschlags, die sich nach dem öffentlichen Protest eines Anwalts bei ebenjenem gemeldet hatten, da ihre bei der Polizei gemachten Aussagen ganz andere Hinweise beinhaltet hätten. Dass Köhler Verbindungen in die rechtsextremistische Szene hatte, schien etwas zu sein, das gekonnt ausgeklammert wurde.

„Im Umgang mit Beweisstücken findet sich bei den Oktoberfest-Ermittlern häufig dieses Muster: Stießen sie auf Asservate, deren Gehalt an Personenspuren damals, 1980, zweifelsohne gering war, die aber tendenziell auf eine Gruppentat hinwiesen, wurden diese entweder nach geraumer Zeit vernichtet oder gar nicht erst im Original sichergestellt.“

Chaussys Werk dient als Dokumentation seiner Nachforschungen, die nach wie vor nicht komplett beendet sind und es vermutlich auch nie sein werden. Er berichtet unter anderem von Gesprächen mit Familien und Bekannten Köhlers, deren Berichte das Bild eines Suizidgefährdeten infrage stellen lassen. Außerdem lässt er Zeug*innen zu Wort kommen, deren Beobachtungen darauf schließen lassen, dass Köhler am Tatabend nicht allein unterwegs war und auch seine Vorbereitungen, wie das Basteln der Bombe und die entsprechenden Materialien dafür zu besorgen, nicht allein durchgeführt hatte. Des Weiteren führt der Autor die Hintergründe zur damals anstehenden Bundestagswahl 1980 an, wie politische Umstände das interne und behördliche Verhalten unmittelbar nach dem Anschlag beeinflussten und durch Ignoranz oder volles Bewusstsein potenzielle Spuren verloren gingen oder verwischt wurden. Chaussys Ton ist sachlich, aber doch berechtigterweise kritisch, wenn er feststellt, welche Versäumnisse eine vollständige Aufklärung heute nicht mehr möglich machen. Er betont jedoch auch, dass fehlende Antworten nicht automatisch zu falschen Schlussfolgerungen führen dürfen: „[…] beharrt man auf Hypothesen, für die man keinen Beweis erbringen kann, drohen sich Hypothesen in Verschwörungstheorien zu verwandeln. Dazu möchte ich nicht beitragen.“

„Die Presse trägt mindestens Mitverantwortung für den posthumen Rufmord an Shlomo Lewin – möglicherweise mit Folgen für das Handeln der Ermittler.“

Die Erkenntnisse, dass Köhler rechtsextrem motiviert war und auch Verbindungen zur nach seinem Leiter Karl-Heinz Hoffmann benannten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ hatte, verweisen schließlich auch auf eine Verbindung zum Doppelmord in Erlangen, da auch deren mutmaßlicher Mörder ebenfalls Mitglied dieser sich nach außen hin völlig unpolitisch gebenden Gruppe war. Jedenfalls unpolitisch genug, damit Lewin und Poeschke, bekennende Aktivist*innen des Antifaschismus, die zudem öffentlich vor Hoffmann gewarnt hatten, schließlich den Tod fanden. Auch hier stellte das Gericht einen Einzeltäter fest (der allerdings vor seiner Verurteilung in den Libanon fliehen konnte und dort angeblich Selbstmord beging) und ging Spuren nicht oder erst verspätet nach. Die Umstände dieser Tat und ihre holprige Aufklärung wurden, auch in Zusammenarbeit mit Ulrich Chaussy, im Jahr 2026 im Stück Brauner Schnee über Franken des schauspiel erlangens verarbeitet, das ebenfalls vom Rezensöhnchen rezensiert wurde. Und die Fäden des scheinbar unsichtbaren, aber ebenso weitläufigen wie tödlichen Netzwerks lassen sich bis zu den NSU-Morden in den 2000ern spinnen.

„Die Infragestellung der Glaubwürdigkeit und Integrität des Gewaltopfers Shlomo Lewin hatte 1980 eine ähnliche Wirkung entfaltet, wie sie dreißig Jahre später bei der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds zu beobachten war. Sie beschädigte die Solidarisierung mit dem Opfer und das Verlangen nach vollständiger Aufklärung.“

Da es sich bei Chaussys Werk um ein Sachbuch handelt, und seine Arbeiten von über vierzig Jahren dokumentiert, ist die Informationsdichte sehr hoch und man muss beim Lesen immer wieder eine Pause einlegen. Er führt jedoch auch an, dass frühere vermeintliche Spuren, die sich als nichtig erwiesen haben, in der aktuellen Auflage keinen Einzug mehr erhalten haben, die enthaltenen Informationen also den bisher finalen Erkenntnissen entsprechen. Viele Personennamen (oder ihre Alternativbenennungen, um Anonymität zu wahren) ähneln sich, sodass man aufpassen muss, nicht durcheinanderzukommen, was aber einfach den damaligen Vorlieben in der Namensgebung geschuldet ist. Dennoch ertappt man sich bei dem Wunsch nach einem allumfassenden Diagramm, um die Bezüge untereinander final aufgezeigt zu bekommen, was aufgrund der Fülle an genannten Personen aber wohl nicht zum besseren Verständnis beigetragen hätte. Am Ende des Buches findet sich jedoch erfreulicherweise ein Personenverzeichnis und die entsprechenden Seitenzahlen der Erwähnungen. Ein Kapitel ist zudem ein Beitrag von Sebastian Wehrhahn, der als Referent für Antifaschismus/Rechtsextremismus der Partei Die Linke im Bundestag sitzt. Alles in allem ist Chaussys Werk eine umfassende Übersicht seiner bisher erlangten Erkenntnisse, die auch zum selbstständigen Weiterlesen in die Historie und Thematiken einlädt.

„‘Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, als wir durchsetzen.‘ (Bertold Brecht)“ (Sebastian Wehrhahn)

Die hartnäckigen Recherchetätigkeiten des Autors führten dazu, dass das Oktober-Attentat schließlich im Jahr 2020 als rechtsextremistischer Anschlag anerkannt wurde, und den Opfern endlich die finanzielle Unterstützung zugesprochen wurde, die für solche Fälle festgelegt ist. Viele Fragen bleiben jedoch nach wie vor offen, und, wie bereits festgestellt, werden nicht mehr alle von ihnen beantwortet werden können. Ein umfangreiches und aufschlussreiches Buch, das weder verteufeln noch beschönigen will, und ein Muss für alle sein sollte, die einen realistischen Blick auf Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland von damals bis heute werfen wollen, um Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

von Nike Kutzner

Ulrich Chaussy
Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden
Ch. Links Verlag 2025
384 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-96289-235-7

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