Anna Campagna/Stefan Giesberg/Ulrich Pieper – Plötzlich hochbegabt. Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte
Anna Campagna/Stefan Giesberg/Ulrich Pieper – Plötzlich hochbegabt. Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte

Anna Campagna/Stefan Giesberg/Ulrich Pieper – Plötzlich hochbegabt. Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte

„Ich durfte anders sein. Ich war nicht kaputt.“

CW: bipolare Störung, Burnout, Depression, Misogynie, Mobbing, Suizidversuch, Tod durch Krebs oder Unfall, toxische Familienstrukturen

Gibt man den Begriff „hochbegabt“ in der Suchleiste bei YouTube ein, gibt es zahlreiche Treffer zu hochbegabten Kindern, die durch hohe Leistungen auffallen. Beispiele dafür sind Maximilian Janisch, der bereits mit 9 Jahren die Mathematik-Matura mit Bestnoten bestand, oder Laetitia Hahn, die bereits mit 2 Jahren mit dem Klavierspiel begann und als Ausnahmetalent in diesem Bereich gilt. Doch so läuft es nicht bei allen hochbegabten Menschen. In der Anthologie Plötzlich hochbegabt. Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte kommen 27 Menschen zu Wort, die erst sehr spät in ihrem Leben von ihrer Hochbegabung erfahren haben.

„Seit ich denken kann, war da das unbestimmte Gefühl falsch zu sein, nicht bzw. nicht richtig gesehen und verstanden zu werden und leider auch immer wieder anzuecken.“

Die Geschichten sind sehr persönlich und reichen von der Kindheit bis zur Testung oder kurz danach. Die Spanne der Jahrgänge reicht dabei von 1955 bis 1989. Erzählt wird fast immer von dem Gefühl, anders zu sein, welches schon früh aufkam. Abgesehen davon sind sie genau so vielfältig wie die Personen, die sie erzählen: Eine berichtet von ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sie als Zweitklässlerin vor einen Viertklässler stellte, um ihn vor Mobbing zu schützen. Andere erzählen von durchschnittlichen Noten, Problemen in ihrem hierarchischen, nicht an Lösungen orientierten Arbeitsumfeld, die sie bis zur Depression brachten, von einem inneren Analyseprogramm, das kleinste Veränderung der Stimme des Gegenübers erkennen lässt oder toxischen Familienstrukturen, die sie ausbremsten. Auch Queerness, ADHS, Asperger-Autismus, Hochsensibilität, Scanner-Persönlichkeiten, Synästhesie und eine bipolare Störung werden dabei thematisiert. Am schönsten zu lesen ist schließlich der Moment, in dem die Testung auf Hochbegabung den – meist zutiefst verunsicherten – Menschen ein positiveres Selbstbild schenkt.

23 Geschichten von Frauen, 4 Geschichten von Männern – bereits im Vorwort weisen die drei Herausgeber*innen auf dieses Ungleichgewicht hin. Es sei darauf zurückzuführen, dass Frauen häufiger spät erkannt werden als Männer. Ein Aufruf des Buches wird deutlich, – einerseits durch manche der Geschichten, andererseits durch ein umfangreiches und informatives Nachwort von Frau Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson – dass mehr Frauen sich trauen sollten, bei dem Verdacht einer Hochbegabung zum Test zu gehen.

Insgesamt wurde das Buchprojekt vom Verein Mensa in Deutschland e.V. unterstützt mit dem Ziel, Hochbegabung besser zu positionieren. Dies wird an einem umfassenden Glossar und einer Fülle von Further Reading in Form von weiteren Büchern, Internetseiten und Podcasts deutlich und ist durch die vielen Geschichten von Menschen, die immer ohne Arroganz davon berichten, wie sie einfach sie selbst sind und auch endlich sein dürfen, keine utopische Vorstellung!

von Hannah Orth

Anna Campagna/Stefan Giesberg/Ulrich Pieper
Plötzlich hochbegabt. Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte
Goldmann Verlag 2025
288 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-442-14317-7

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