So nah – und doch so fern
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CW: Diskriminierung, Homophobie, Kindesvernachlässigung, Misogynie, Sexismus, Tod, Trauer, grafische Schilderung von Verletzungen, Verlust
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Joan Goodwill träumte schon als Kind davon, nach den Sternen zu greifen. Als die Astrophysikerin in den 1970er Jahren für einen Job bei der NASA angenommen wird, sieht sie sich ihrem Traum, das Weltall zu erforschen, endlich ein Stück näher. Doch während des harten Trainingsprogramms und des Arbeitsalltags voller struktureller Hürden muss sie feststellen, dass ihr Traum ihr einen noch höheren Preis abverlangen könnte, als sie zunächst angenommen hätte.
Zwischen Himmel und Erde
Taylor Jenkins Reid, die vielen Lesenden besonders durch populäre Romane wie Die sieben Männer der Evelyn Hugo oder Daisy Jones & The Six bekannt sein dürfte, widmet sich in ihrem neusten, 2025 erschienenen Werk wieder einmal einem realhistorisch anmutenden, aber doch fiktiven Stoff, der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität meist gelungen verschwimmen lässt. Dabei gelingt es der Autorin, der Handlung von Beginn an eine Anziehungskraft zu verleihen, die der eines schwarzen Lochs gleicht. Innerhalb weniger Seiten entspinnt sich mit hoher Sogkraft ein dramatischer Konflikt im Weltall, um dessen potenzielle Auflösung die Figuren nur einen einzigen Tag, das Lesepublikum aber über 400 Seiten lang bangen muss. Doch damit nicht genug: Dieser spannungsgeladene Handlungsstrang, der sich im Jahr 1984 zwischen einem Shuttle und dem Kontrollpunkt in Houston entfaltet, wechselt sich mit Rückblenden in die Vergangenheit der Protagonistin Joan ab. Durch diese Zeitsprünge wird schnell deutlich, dass auf der Erde schon lange vor diesem schicksalshaften Tag Konflikte zwischen den fiktiven Mitgliedern des NASA-Teams herrschen.
„Aus der Distanz konnte Joan erkennen, was alle anderen aus der Nähe nicht sahen.“
Wie üblich schafft Reid es, eine Collage von zwischenmenschlichen Beziehungen und Emotionen mitreißend und detailreich, aber doch mit Blick auf das große Ganze, zu erzählen. Reid changiert zwischen Schilderungen eines konkurrenzdruckgeprägten Mikrokosmos der NASA-Crew, einer emotionalen, aber verbotenen queeren Liebesbeziehung im Zentrum der Handlung und komplexen und toxischen Familienstrukturen. Neben den Figuren werden auch diejenigen, die das Buch zur Hand nehmen, mitfiebern und sich über diskriminierende Hürden, Rückschläge und unmögliche, eigensinnige Figuren empören. Zum zentralen Aspekt der verbotenen Liebe soll hier allerdings noch nicht zu viel verraten werden, um dem Leseerlebnis nichts vorwegzunehmen.
Zwischen Emotionalität und Rationalität
Diese gefühlschaotischen Episoden wechseln sich mit solchen ab, in denen über wissenschaftliche Forschung, Technik und Prozesse der Raumfahrt gesprochen wird, während man ganz nebenbei an Fachjargon herangeführt wird. Besonders für Leser*innen, die bis dato noch nicht mit Abkürzungen und Termini wie „JSC“, „ASCAN“ oder „N₂“ vertraut sind, könnte dieser Aspekt zuweilen durchaus Verwirrung stiften. Zugleich wird durch Details wie diese die Recherchearbeit der Autorin deutlich und es lassen sich neben dem Unterhaltungsfaktor des Romans einige Fun Facts dazugewinnen. Trotzdem entsteht durch diese Vorgehensweise, mit der erzählte Gegenwart und Vergangenheit, Emotionalität und Rationalität sich abwechseln, leider eher ein Hin und Her als eine gelungene Balance. Eine engere Verzahnung dieser beiden Pole hätte ein paar weniger mitreißende Längen und das an manchen Stellen etwas frustrierende Leseerlebnis deutlich flüssiger werden lassen. Anfang und Ende des Romans, gewissermaßen Start und Landung des Plots, sind damit die Highlights, da hier Spannung, nerdiges Wissen und Emotionen höchst gelungen konzentriert und verknüpft werden. Der Ausgang wird für manche mehr, für manche weniger emotional und vorhersehbar sein. Taschentücher sollten für sensible Lesende jedoch besonders für die zweite Hälfte des Romans bereitliegen.
Leser:innen, die gerne Filme wie Hidden Figures gesehen haben, werden mit Atmosphere sicherlich ebenso auf ihre Kosten kommen wie Fans von Taylor Jenkins Reid oder von guter Unterhaltung im Allgemeinen. Trotz seiner vielen Stärken lässt sich ihr neuestes Werk aufgrund vereinzelter Schwächen aber wohl nicht ganz zu ihren besten Publikationen zählen.
von Alicia Fuchs

Taylor Jenkins Reid
Atmosphere
Aus dem Amerikanischen von Babette Schröder
Ullstein 2025
416 Seiten
22,99 Euro
ISBN 978-3-550-20310-7