Scherben müssen aufgelesen werden
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CW: gewaltvolle Sprache, patriarchale und sexuelle Gewalt
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In Der zerbrochne Krug nimmt sich das ETA Hoffmann-Theater des gleichnamigen Komödienklassikers von Heinrich von Kleist an und inszeniert, unter Regie von Jasper Brandis im Rahmen der Calderón-Festspiele, diese patriarchalen Machtspiele vor historischer Kulisse: in der Alten Hofhaltung.
Alles fängt mit einem zerbrochenen Krug von Marthe Rull (Iris Hochberger) an. Mitten in der Nacht ist er in dem Zimmer ihrer Tochter Eve (Laura Röseler) umgeworfen worden. Von wem? Das ist unklar. Also muss ein Gerichtsprozess her. Dem Dorfrichter Adam (Eric Wehlan) passt das so gar nicht in seinen Kram. Denn der Gerichtsrat Walter (Stephan Ullrich) ist natürlich gerade jetzt im fiktiven niederländischen Dörfchen Huisum, um Adams Arbeitsweise zu überprüfen. Und zwar anhand dieses Prozesses, in dem eigentlich der Dorfrichter selbst auf der Anklagebank sitzen sollte und in dem es um so viel mehr geht als nur um einen zerbrochenen Krug.
Für Marthe Rull ist der Fall glasklar: Der Verlobte ihrer Tochter, Ruprecht (Daniel Warland), war’s. Schließlich hat sie ihn und den zerbrochenen Krug in Eves Kammer entdeckt, nachdem der Lärm sie aus dem Bett geholt hatte. Der aber bestreitet, schuldig zu sein, und erklärt, es sei ein Dritter gewesen, der geflohen sei. Umso wichtiger ist Eves Aussage am nächsten Morgen, am Gerichtstag. Doch Richter Adam versucht, sie gleich zu Beginn der Verhandlung beiseitezunehmen, um sie nach ihrem Vorhaben zu fragen. Was für ein Richter tut das? Ein Richter ohne Perücke und mit Wunden an Kopf und im Gesicht, der nicht mal seine Robe trägt.
„Wer hat euch das Gesicht so verrenkt?“
Nicht nur die zwei Mägde (in wechselnder Besetzung Judith Albert, Milena Dust, Pauline Körner, Clara Scheele) und der Schreiber Licht (Marek Egert) haben bereits am Morgen das Aussehen und Auftreten von Richter Adam hinterfragt, sondern auch der Gerichtsrat Walter. Deshalb hat sich dieser für alle Beteiligten unterschiedliche Erklärungen ausgedacht und versucht, das Verfahren zu verschieben und dann Ruprecht möglichst schnell für den Übeltäter zu erklären. Oder den Leberecht, den Ruprecht beschuldigt. Oder den Ruprecht. Das ist eigentlich egal. Hauptsache, irgendjemand. Hauptsache, niemand erkennt, was dem Publikum von Anfang an förmlich aufgedrängt wird: dass Richter Adam der Täter ist. Er verstrickt sich immer mehr in Widersprüche, als alles auf ihn hinweist. Bis Frau Brigitte (Nika Wanderer) die entscheidenden Beweise liefert und Richter Adam einfach nur noch schnell seine Sentenz herunterrattert, um den Konsequenzen seines Handelns noch zu entkommen. Eve bricht daraufhin endlich ihr Schweigen und berichtet ausführlich davon, wer es war und was eigentlich in der letzten Nacht geschah.
Seit einer Kürzung gehört Eves Geständnis, ein Teil von der zweiten, längeren Fassung (Variant), nicht mehr zu dem Haupttext. Der endet dann mit der Flucht Adams. Das Stück mit ihrem Geständnis enden zu lassen, ist also als eine bewusste Entscheidung der Produktion zu bewerten und zu begrüßen. Das Opfer bekommt damit endlich eine Stimme, die ihm das restliche Stück über verwehrt blieb.
„Was hilft’s, daß ich jetzt schuldlos mich erzähle?“
Was Commitment zur Geschichte anbelangt, glänzt Eric Wehlan als Adam mit seinem neuen Haarschnitt: Er hat sich für die Rolle den Kopf kahl rasiert. Das ETA überzeugt auch auf der Handlungsebene mit einer werkgetreuen Darbietung und holt das wenige aus der Situationskomik der Schullektüre heraus, das diese hergibt. Das gelingt vor allem durch Intonation sowie eine geschickte Kombination aus Gestik und Mimik.
Im Vordergrund stehen bei Der zerbrochne Krug aber auch nicht die unterhaltsamen Momente, sondern die patriarchalen Machtspiele von Richter Adam, der seine berufliche Stellung und seinen Wissensvorsprung gegenüber Eve missbraucht, um sexuelle Gefälligkeiten von ihr einzufordern. Leider eine Thematik, die auch heute noch aktuell ist. In der Inszenierung von Jasper Brandis werden daraus tolle Bilder erzeugt. So wirft Richter Adam auf die Nachricht hin, dass der Revisor nach Huisum kommt, einen Aktenhaufen durch die Luft, der langsam zu Boden fällt. Oder er fläzt sich, noch überheblich, wie ein Tyrann, wie er im Buche steht, in seiner abgeranzten Kleidung anstelle seiner Amtsrobe auf seinen Richterthron, mit einem Bein über der Lehne.
Nicht nur Adam braucht eine Verschnaufpause
Ein absolutes Highlight für jedes Theaterstück, aber besonders für dieses: der außergewöhnliche Aufführungsort, vor dem diese Bilder erzeugt werden. Der zerbrochne Krug wird Open-Air in der Alten Hofhaltung gespielt. Nicht nur unterstreicht die Kulisse den urigen Charakter des Dorfes und fügt sich harmonisch in das minimalistische Bühnenbild ein, welches neben zwei zueinander gekippten Aktenschränken und herumfliegenden Akten aus einer Richterbank als einziger Requisite (Jochen Mischner) besteht. Sondern sie passt auch wesentlich besser zu den außergewöhnlich warmen Temperaturen als die gewohnten Theatersäle. Damit sowohl das Publikum als auch die Schauspielenden gut durchs Stück kommen, gibt es eine „Hydration Break“ innerhalb der zweistündigen Spieldauer. Dabei besteht für die Zuschauenden die Möglichkeit, sich bei einem Getränk untereinander austauschen und Energie tanken zu können.
Der zerbrochne Krug ist eine gelungene Umsetzung des gleichnamigen Theaterstücks von Heinrich von Kleist, die durch die historische Kulisse ihren eigenen Charme hat. Ein perfekter Veranstaltungstipp für den Sommer.
Weitere Aufführungen finden am 27., 30.06., 01., 02., 03., 04. 05., 07., 08., 14., 15., 16., 17., und 18.07. jeweils um 20:30 Uhr in der Alten Hofhaltung statt.
von Alina Köhler








Fotos © Marian Lenhard