Eine kleine Dosis antiker Ideen
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Irene Vallejo ist in Spanien nicht nur für ihre Romane und Kinderbücher sowie insbesondere ihr Sachbuch Papyrus bekannt, sondern auch für ihre Kolumnen in den Zeitungen El País und Heraldo de Aragón. Wein und Küsse ist eine Auswahl dieser kurzen, prägnanten essayistischen Texte aus ihrer Pressearbeit, die in der spanischen Originalsprache in gleich zwei Bücher, Alguien habló de nosotros und El futuro recordado, verpackt wurde. Der Untertitel der deutschen Version verrät bereits: Es geht um 200 Ideen aus der Antike.
Die klassische Philologin nimmt sich in etwa eine Seite Zeit, um einen Blick auf je eine antike Vorstellung zu werfen. So dreht sich beispielsweise ein Text um Aristoteles‘ Lehre von der goldenen Mitte, ausgehend von unserem Streben nach einer Exzellenzgesellschaft. Vallejo analysiert auch das römische Gesetz, das den Titel dieses Buchs erklärt: „Das im alten Rom geltende Gesetz ius osculi verpflichtete die verheiratete Frau, ihren Gatten täglich zu küssen und ebenso sämtliche männliche Verwandte bis hin zu Cousins zweiten Grades, wenn diese es verlangten. Ziel dieser Auflage war es, den Atem der Frau riechen zu können, um festzustellen, ob sie getrunken hatte. […] So machten unsere römischen Vorfahren den Kuss zu einem bizarren Alkoholtest und stellten damit die unendliche Komplexität menschlichen Handelns zur Schau: Ein und dieselbe Geste kann der Freiheit des Verlangens und zugleich dem Verlangen nach Kontrolle Ausdruck verleihen.“ In einer anderen Kolumne wiederum klärt sie das literarische Missverständnis der Mutter Courage auf.
„Aus heutiger Sicht könnte man denken, Vaterschaft sei früher vor allem eine glorreiche Machtdemonstration gewesen; dabei erzählen die Stimmen der Antike nicht anders von Ängsten, Unsicherheiten und Verfehlungen als die heutigen.“
Was dieses Buch ausmacht, ist der Blick auf diese Zeit aus einer ganz anderen Perspektive, so viele Jahrhunderte später. Dabei wird die besprochene Thematik mithilfe von Beobachtungen und Ereignissen untermalt, im Großen bezogen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft – mit einem Fokus auf Vallejos Heimatland Spanien – und im Kleinen, wenn es zum Beispiel um ihre eigene Kindheit oder Alltagssituationen geht. Immer schwingen Werte und Einstellungen mit, die sich mit der Zeit verändert oder noch Bestand haben.
Die einzelnen Ideen passen zum Teil inhaltlich zusammen. Dass sie nicht direkt aufeinander aufbauen, stört keineswegs, da es sich anbietet, die Texte auch wirklich als Kolumnen und damit häppchenweise statt an einem Stück zu lesen.
„Wir sind aus Geschichten verwobene Wesen, bestickt mit Fäden aus Stimmen, Geschichte, Philosophie und Wissenschaft, aus Gesetzen und Legenden. Deshalb wird uns das Lesen auch weiterhin behüten, solange wir es behüten.“
Einen kleinen Bestätigungsvorrat für Leseliebhaber*innen stellt Vallejos beigefügtes Manifest für das Lesen bereit, das die Advokatin für Literatur- und Kunstvermittlung für Kinder im Auftrag des Spanischen Verlegerverbands als Impuls für einen Staatsvertrag zur Förderung vom Lesen und Buchmarkt verfasst hat. Diese Ergänzung ist in dem Sinne stimmig, dass in Wein und Küsse die Wichtigkeit vom Lesen durchaus Erwähnung findet.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Vallejo aber allein mit diesem Buch schon mehr als genug gute Gründe liefert, jeden Tag eine kleine Dosis dieser 200 Ideen aus der Antike genießen zu wollen. Leser*innen lernen nicht nur die Ideen kennen, sondern erfahren auch, inwiefern sie auf unsere heutige Lebensweise übertragbar sind oder durch neue ersetzt wurden. Daher behält Wein und Küsse selbst für Fans der Antike mit viel Wissen über Scherbengericht, Stoizismus und Sisyphusarbeit noch etwas Neues und Anregendes für das eigene Leben bereit.
von Alina Köhler

Irene Vallejo
Wein und Küsse – 200 Ideen aus der Antike
Aus dem Spanischen von Kristin Lohmann
Diogenes 2025
288 Seiten
26,00 Euro
978-3-257-07360-7