Ted Kotcheff – First Blood
Ted Kotcheff – First Blood

Ted Kotcheff – First Blood

Vietnamkrieg im amerikanischen Kuhdorf

„Rambo, der [ˈʁambo]: brutaler männlicher Typ; Kraftprotz (Wortart: Substantiv, maskulin).“

Das liest sich wie eine Filmfigur, die so ikonisch ist, dass ihr Name einen Eintrag in den Duden bekommen hat und fester Bestandteil des deutschen Sprachgebrauchs ist. Seinen Ursprung hat die Figur in dem 1982 erschienenen Actionfilm First Blood unter der Regie des Kanadiers Ted Kotcheff. In der Filmreihe Classic Sneak des Lichtspiel-Kinos wurde am 20.07.2026 dieser Klassiker des Actionkinos der 1980er-Jahre gezeigt.

Seit den „goldenen 80er-Jahren“ hat wohl kein Genre die Filmlandschaft so sehr dominiert wie der klassische Actionfilm. Aber ist First Blood nun nur ein weiterer Teller dieses generischen, von Explosionen und Gewalt triefenden Einheitsbreis oder doch der gipfelnde Hauptgang des Genres?

„In the town you are the law, out here it’s me.“

Der Veteran und Kriegsheld John Rambo (Sylvester Stallone) kommt nach dem Vietnamkrieg zurück in die USA und sucht ehemalige Kameraden. Auf seinem Weg kommt er zufällig in die Kleinstadt Hope im US-Bundesstaat Washington und gerät dort schnell in Konflikt mit dem örtlichen Polizeirevier. Ein ignoranter Sheriff (Brian Dennehy) und dessen unfähige Kollegen nehmen ihre Machtpositionen zu ernst und lassen eine harmlose Situation schnell eskalieren. Rambo flieht in die umliegenden Wälder und setzt seine militärischen Fähigkeiten ein, um sich gegen seine Verfolger zu behaupten. Ein Guerillakrieg in der Natur ist Auslöser der kommenden Eskalation.

Dieses Motiv der Zuspitzung zieht sich durch die gesamte Handlung des Films und bildet den Kern. Zwei „Alphamänner“, Rambo und der Sheriff, beharren auf ihrem Recht, solange, bis die Stadt in einen kriegsähnlichen Zustand verfällt: die Nationalgarde, Maschinengewehre, Raketenwerfer, muskulöse Männer, Sprünge aus sämtlichen Höhen, Autostunts und Explosionen im Minutentakt. Eben der Actionfilm in seiner reinsten Form. Das alles, um einen einzigen Mann zu fassen.

Stichwort Mann: Was auffällt, ist, dass der Film quasi vollständig auf weibliche Rollen verzichtet. Die Verteilung ist erdrückend: 33:1. Die einzig gelistete weibliche Rolle hat hierbei die nüchterne Bezeichnung „Woman on the street“. Was dies über die Intention und Zielgruppe des Films aussagen soll, ist eindeutig.  

„We don’t hunt him. He’s hunting us.“

Der Film vermittelt dem Publikum seine Aussage jedoch stark auf dem Präsentierteller. First Blood möchte kein dumpfer Kriegsfilm sein, sondern eine scharfe Kritik am Vietnamkrieg und explizit dem gesellschaftlichen Umgang mit Veteranen. Immer wieder zeigt Rambo Anzeichen von PTSD, die dann seine brutalen Handlungen verständlich machen sollen und niemand scheint ihn verstehen zu wollen. Da sich der Protagonist allerdings der Kindergartenlogik von „Aber er hat mich zuerst gehauen“ bedient, hält sich das Mitleid in Grenzen und nimmt dieser eigentlich so wichtigen Botschaft viel an Kraft.

In einem sehr überraschenden und konstruiert wirkenden Monolog zum Ende wird die Antikriegsbotschaft dann tatsächlich direkt ausgesprochen. Somit lässt der Film nahezu keine weiteren Interpretationen zu und beraubt das Publikum leider hier des eigenständigen Denkens.  

„What could’ve possessed God to make a man like Rambo?

Trotzdem wird im Verlauf des Films ziemlich schnell klar, was die Botschaft sein soll. Rambo kann als traumatisierter Veteran gar nicht anders und handelt lediglich aus Reflex. Das ist so lange kohärent, bis Rambo einen Polizisten anschießt, nachdem er in der Szene zuvor gesagt hat, er möchte niemanden verletzen. Solche moralischen Logiklücken gepaart mit einer Flut an hochtrabenden Actionszenen nehmen dem Film leider schnell viel Ernsthaftigkeit und Emotion. Lässt man den Film nachwirken und nimmt sich Zeit, das Gesehene zu reflektieren, kann auch dieses zunächst unlogische Verhalten Rambos als Folge seiner Kriegstraumata identifiziert werden. Die bereits beschriebenen szenischen Überzeichnungen lassen solche Schlüsse beim ersten Sehen allerdings kaum zu.

Berechtigt wäre der Einwand, ob ein Actionfilm überhaupt in dieser Tiefe analysiert und hinterfragt werden möchte. Fragen nach Gut und Böse oder die Suche nach der subtil versteckten Gesellschaftskritik sollen vielleicht gar nicht so kritisch gestellt werden. Denn abgesehen von dem Versuch der niederschwelligen Kriegskritik, zeigt der Film genau das, was das Genre ausmacht. First Blood kann Action und liefert hier auf allen Ebenen. Als Pionier und Vorbild einer gesamten Filmgattung muss er respektiert werden. Auch weil mit der Figur des Rambo eben dieser ikonische Kriegsveteran geschaffen wurde, der noch den letzten Kampf gegen seine eigenen Emotionen bestreiten muss und noch immer omnipräsent in den Kinos stattfindet.

Ob First Blood nun ein sozialkritisches Kriegsdrama, ein überzeugender Actionfilm oder doch nur simple Gewaltverherrlichung für pubertierende junge Männer ist, muss aber letztlich jede*r für sich selbst entscheiden.

Die nächste Vorstellung in der Reihe Classic Sneak, in der immer ein Klassiker der Filmgeschichte gezeigt wird, findet wieder am dritten Montag des kommenden Monats statt. Also der 17.08.2026. Der Clou bleibt wie immer der gleiche: Das Publikum erfährt erst, wenn die Lichter ausgehen, welchen Film es an diesem Abend sehen wird.

von Vincent Berwind

Ted Kotcheff
First Blood
Englisches Original mit deutschen Untertiteln
USA 1982
93 Min
FSK 16

Fotos © Studiocanal GmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert