Svenja Leiber  – Nelka
Svenja Leiber  – Nelka

Svenja Leiber  – Nelka

Pomme de Coeur: roter, süßlicher Apfel – widerstandsfähig und robust

CW: Antisemitismus, Antislawismus, Fremdenfeindlichkeit/Xenophobie, Gewalt, (implizite) sexualisierte Gewalt, Züchtigung

Svenja Leiber schreibt in dem 2026 erschienenen Roman Nelka über eine, insbesondere regional, häufig übersehene, aber weitreichend prägende Menschengruppe im 2. Weltkrieg: Zwangsarbeiter*innen aus den vom Deutschen Reich eingenommenen osteuropäischen Regionen, die unter Diskriminierung, Gewalt und grausamen Lebensbedingungen leidend zur Arbeit in der NS-Wirtschaft gezwungen wurden.

In Schleswig-Holstein, dem Schauplatz des Romanes, beschäftigte die nationalsozialistische Diktatur mindestens 225.000 sogenannte ‚Fremdarbeiter*innen‘. Ein Großteil der ‚Beschäftigten‘, wie auch die titelgebende Protagonistin Nelka, wurden in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie eingesetzt.

„Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen […]. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur […] spricht immer die Wahrheit.“

Wie schwer behängte Apfelzweige beschattet der 2. Weltkrieg Nelkas Leben. Aufgewachsen in der heutigen ukrainischen Stadt Lwiw, damals deutsch Lemberg und polnisch Lwów genannt, ist sie von Kindesbeinen an von verschiedenen Sprachen, Nationalitäten und Religionen umgeben. Als Tochter eines deutschen Pomologen und einer vermutlich jüdischen Russin, prägen auch ihre Erziehung Weltoffenheit, interkulturelle Bilingualität – und eine tiefgehende Wertschätzung von Äpfeln. Im Zuge der deutschen Besetzung der Krim deportieren 1941 Soldaten der Wehrmacht Nelka mit sechzehn Jahren als Zwangsarbeiterin nach Schleswig-Holstein.

Begleitet wird sie von zwei weiteren Mädchen aus ihrer Heimatstadt, die schnell zu ihren engsten Vertrauten, gar besten Freundinnen werden. Teils schüchtern und zurückhaltend, teils aufbrausend und unbeugsam, sehen sich die drei von verschiedenen, doch nicht minder grausamen Seiten der Zwangsarbeit konfrontiert. Glücklicherweise bewahrt Nelka ihre Kenntnisse über Äpfel und die Bereitschaft diese anzubauen vor den Avancen des Gutsherrn, dessen Blicke sogar in Anwesenheit seiner Frau auf ihr zu haften scheinen.

„Und in einer dieser Nächte hatte ihr Mann sie angesehen, hatte ihr die Hand auf die Wange gelegt und gesagt: ‚Wer sich vor Spinnen fürchtet, Nelk, muss irgendwann zu den Spinnen gehen.‘ Und sie hatte sehr geweint.“

Fließend zwischen den Zeiten hin und her gleitend, beschreibt Leiber die Lebensrealität des jungen Mädchens, die Retrospektive und Befreiung der alten Nelka – aber auch den nach vielen Jahren von ihr besuchten Gutsherren eindrucksvoll.

Einfühlsam liegt der Fokus des Romanes dabei auf den zarten Freundschaften und kleinen Lichtblicken, die den harten, dunklen Alltag der zentralen Frauen durchbrechen. Ohne die Umstände zu beschönigen oder zu verschweigen, bleiben Erwähnungen von Gewalt selten und taktvoll um-, oder beschrieben. Häufig wird dabei Bezug auf die Natur genommen, die zwar durch die Arbeiter*innen nachhaltig verändert wurde, trotz des Verformens allerdings nicht nur den Krieg überdauerte, sondern resilient weiterwuchs und floriert.

Nelka von Svenja Leiber ist ein beeindruckender Roman. Die Lektüre empfiehlt sich allen die ein Buch suchen, dessen außergewöhnlich schöner Schreibstil elegant einen Inhalt voller Schwere und Tiefe transportiert.

von Marlene Dräger

Svenja Leiber
Nelka
Suhrkamp 2026
204 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-518-43276-1

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