Was bleibt nach dem Happy End?
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Als Coralie nach London zieht, um dort einen Neuanfang zu wagen, begegnet sie zufällig Adam, einem alleinerziehenden Vater mit einer zuckersüßen Tochter Zora. Zwischen den beiden sprühen sofort die Funken und relativ schnell ziehen sie zusammen, gründen eine Familie und bauen ein gemeinsames Leben auf. Doch genau hier unterscheidet sich Wir in zehn Jahren von üblichen Liebesromanen: Nicht die romantischen Gefühle und das Bauchkribbeln stehen im Mittelpunkt, sondern die Jahre danach – der Alltag, die Verantwortung, die gegenseitigen unausgesprochenen Erwartungen, die zunehmende Erschöpfung.
Der Roman begleitet Adam und Coralie über ein ganzes Jahrzehnt und zeichnet hier ein ehrliches und intensives Bild vom Familienleben, Mutterschaft und der alltäglichen Überforderung. Denn wie soll man sich nicht selbst verlieren, wenn man unter dem ständigen Druck steht, in allen Situationen zu funktionieren und allen Rollen gerecht zu werden – als Partnerin, Mutter, Stiefmutter, Schwester und Tochter? Und während Adam seinem Traum als Journalist und Autor immer näherkommt, rücken Coralies Träume immer weiter in die Ferne.
Neben den zwischenmenschlichen Beziehungen prägen auch wichtige politische Ereignisse das familiäre Zusammenleben. Der Brexit, die Corona-Pandemie und politische Umbrüche in England spielen eine große Rolle und bilden den Hintergrund der Handlung, da Adam als Politik-Journalist arbeitet. Diese politischen Hintergründe geben dem Roman einen realistischen Rahmen, nehmen aber verhältnismäßig viel Raum ein. Wenn man sich für britische Politik interessiert, ist das natürlich eine tolle Ergänzung, für andere Lesende kann dieser Detailgrad aber etwas zu ausführlich wirken.
„Wenn sie nicht liebte, war sie nur ein halber Mensch. Aber wenn sie liebte, fühlte sie sich nie ganz. Mutter, Schriftstellerin, Angestellte, Schwester, Freundin, Bürgerin, Tochter, (Quasi-)Ehefrau. Wenn sie nur eins davon wäre, käme sie vielleicht klar.“
Besonders gelungen ist die Figur von Coralie. Jessica Stanley schafft es, ihre Gefühle und Gedanken mit großer Authentizität zu beschreiben und den Lesenden einen sehr nachvollziehbaren Einblick in ihr Leben als Ehefrau und Mutter zu geben. Gerade die innere Zerrissenheit, allen um sich herum gerecht werden zu wollen, wirkt besonders realistisch und könnte vielen Lesenden bekannt vorkommen – wenn auch vielleicht in einem anderen Ausmaß als in Coralies Situation als Mutter. Der Roman spricht offen über wichtige Themen wie mentale Belastung und die unsichtbare Arbeit von Frauen im Familienleben, ohne dabei überspitzt oder belehrend zu wirken. Sprachlich ist das Buch emotional, aber auch zugleich ruhig und unaufgeregt geschrieben. Viele Szenen plätschern vor sich hin, wirken dabei sehr realitätsnah und nachdenklich.
Wir in zehn Jahren ist ein besonderer Roman über die Frage, was nach dem Happy End noch bleibt. Er erzählt einfühlsam davon, wie unberechenbar das Leben ist, und dass es nie zu spät ist, Dinge zu verändern.
von Johanna Listl

Jessica Stanley
Wir in zehn Jahren
Aus dem Englischen von Claudia Voit
DuMont 2026
368 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-7558-0041-5