Über die Last der Freiheit alles zu können und das Glück sich selbst zu finden
Im Debütroman Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel treffen wir Leser:innen auf Sophie. Sophie ist eine normale Studentin in ihren Zwanzigern, die in einem normal-langweiligen Praktikum in München feststeckt und sich die zwar existentielle, aber doch wohl auch sehr häufig aufkommende Frage stellt, ob es das jetzt wirklich schon gewesen sein soll. Ist sie da oder zumindest auf dem Weg dahin, wo sie mit ihrem Leben wirklich hinwill? Den meisten kommen solche Gedanken wohl in dieser Lebensphase, mal mehr, mal weniger drängend. Sophie aber entscheidet sich spontan, ein Haus in der brandenburgischen Pampa zu kaufen. Das ist dann wohl auch der Moment, in dem es ungewöhnlich wird. Sophie macht sich also auf, verlässt fast schon fluchtartig ihren Praktikumsplatz in München und tritt eine recht beschwerliche Reise ins Brandenburgische an, wo sie dann tatsächlich die Schlüssel zu ihrem neuen Eigenheim überreicht bekommt. Dieses stellt sich jedoch als ziemliche Bruchbude heraus. Statt aus dem Fenster zu schauen, hat Sophie also nun definitiv andere Dinge zu tun: Dielen abschleifen, sich um Strom kümmern, einen Garten anlegen und natürlich ganz viel nachdenken. Dafür bleibt viel Zeit, wenn man kaum Internet, zunächst keinen Strom und keine anderen Ablenkungsoptionen hat.
Anfangs noch recht verzweifelt, wächst Sophie immer mehr in ihre neuen Aufgaben hinein, wird erfinderisch, lernt die Einheimischen kennen, freundet sich mit manchen an (mit anderen nicht) und durchlebt nach wie vor recht regelmäßige Sinnkrisen, deren Häufigkeit jedoch deutlich abnimmt. Im Laufe des Romans lernt Sophie einiges über sich selbst, noch mehr über Renovierungstätigkeiten, Gemüseanbau und Hühnerpflege, und versteht, dass es okay ist, wenn man nicht immer auf dem direkten Weg ist, „etwas aus sich zu machen“, sich vielleicht sogar von der Freiheit und den schier unendlichen Möglichkeiten fast erschlagen fühlt. Diese Erkenntnis ist es, die den Roman so lesenswert macht.
Obwohl handlungsmäßig nicht wahnsinnig viel passiert, sondern die Leser:innen primär Sophies Gedanken begleiten, baut die Geschichte Spannung auf und man will das Buch ungern aus der Hand legen. Sprachlich überzeugt der Roman ebenfalls: Die Autorin schafft es, auch in schwierigen Momenten einen passenden Tonfall zu finden. Dazwischen lacht man immer wieder über Sophies Humor und ihren Wortwitz, der dabei nie aufgesetzt wirkt. Insgesamt ist es Scheidemantel gelungen, einen umwerfend schönen Roman über die Last der vielen Optionen und das Glück, sich selbst zu finden, zu schreiben, mit dem sie definitiv den aktuellen Zeitgeist trifft. Große Leseempfehlung (auch über die Mittzwanziger hinaus)!
von Hannah Deininger

Anna Katharina Scheidemantel
Statt aus dem Fenster zu schauen
Pola 2026
352 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-7596-0055-4