„Selbst das unwirtlichste Rasthofklo durch ein Lächeln, ein Kompliment oder eine aufgehaltene Tür zur feinsten Damentoilette werden zu lassen, ist eine Form von Solidarität.“
„Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“ – so nannte der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck Alt genug von Ildikó von Kürthy. Die Entrüstung darüber, die daraufhin in der Literaturbranche ausbrach, markierte den Sexismus Schecks. Friederike Schilbach, Programmchefin bei park x ullstein, animierte der Skandal zur Anthologie Die Damentoilette. In 22 Liebeserklärungen, wie der Untertitel bereits ankündigt, versammelt Schilbach als Herausgeberin die Texte von 22 Autor*innen, die sich diesem Ort literarisch widmen: Gabriele von Armin, Claire Beermann, Rita Bullwinkel, Katja Eichinger, Ubin Eoh, Xiaochun Fan, Sonja Finck, Nora Gartenbrink, Ilona Hartmann, Lin Hierse, Annabelle Hirsch, Mareile Höppner, Heidi Julavits, Enuma Okoro, Elina Penner, Caroline Rosales, Jovana Reisinger, Leanne Shapton, Nicole Seifert, Marlene Sørensen, Dana Vonwickel und Kim Addonizio. Bereits drei Monate nach Schecks despektierlicher Äußerung zeigen 22 Perspektiven die Vielschichtigkeit der Damentoilette als Raum, der gesellschaftliche Machtverhältnisse verhandelt, auf. Dass die Texte reaktionär geschrieben wurden und der Titel so kurzfristig in das Verlagsprogramm aufgenommen wurde, tut der Anthologie keinen Schaden. Im Gegenteil, er zeigt, wie qualitativer literarischer Diskurs stattfinden kann, anstatt einfältiges Herabwürdigen als vermeintliche Literaturkritik zu rechtfertigen.
Schilbach führt in den Sammelband mit einem Intro ein, das eingangs bereits die Dichotomie, die die Damentoilette aufweist, anerkennt. Als Ort der Schwesternschaft für Carrie in Sex and the City, aber auch als Manifestierung eines verwehrten Zugangs für bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie für Katherine in Hidden Figures wird die inhärente Metaebene des Raumes, der eben nicht nur funktional ist, deutlich. Stilistisch wartet die Anthologie ebenfalls mit Vielfalt auf. Ob Essay, Kurzgeschichte, Liste, Brief, oder Gedicht, alle Texte zeugen von Originalität. Individuelle, ganz unterschiedliche Stimmen, neben der Form auch ob des Inhalts, fügen sich harmonisch zu einem Chor zusammen. Den perfekten Abschluss findet Die Damentoilette mit dem Gedicht To the Woman Crying Uncontrollably in the Next Stall von Kim Addonizio.
„ich habe nicht verstanden, wie man hier eine Frau ist“
Das Spannungsfeld zwischen Solidarität und Ausgrenzung wird durch die Schilderung persönlicher Referenzen zur Damentoilette der Autor*innen veranschaulicht. Sie existiert als ein Ort, an dem lesbischem Begehren nachgegangen werden kann und als „ein Schutzraum […], an dem Make-up und Ego repariert werden, an dem Frauen einander aushelfen […] bevor sie sich wieder rauswagen in den Hetero-Dating-Dschungel“. Verletzlichkeit gegenüber einer Fremden zuzulassen ermöglicht kaum ein anderer intimer Raum der Öffentlichkeit. Doch die Damentoilette muss nicht immer eine Verkörperung weiblicher Solidarität sein, wie Dana Vonwinckels Beitrag Lästern, Kotzen, Pissen, Wegschauen, Draufhauen zeigt. Sonja Finck veranschaulicht die Binarität, der die Damentoilette mit der Herrentoilette entspringt und non-binäre Personen „ungenierte Blicke, forschend bis feindselig“ bescheren kann und preist geschlechtsneutrale Toiletten als „Schutzraum für alle, denen im Frauen- oder Männerklo Gewalt droht“. Abseits des Austarierens von der Damentoilette als Ort der Solidarität sowie der Ausgrenzung finden sich auch humoristische Passagen in den Textbeiträgen, wenn beispielsweise Marlene Sørensen 27 Dinge, die ich auf der Damentoilette gelernt habe, auflistet.
„Die Spiegel auf Damentoiletten sind keine einfachen Spiegel. Nebeneinander stehen wir, blinzeln hinein, doch was uns entgegenblinzelt, das sind nicht wir, sondern das Patriarchat.“
Die Fülle der Beiträge ist eine Wonne. Die Pluralität der Perspektiven schafft es gewinnbringend diverse Dimensionen eines Ortes der politischen und sozialen Aushandlung zu analysieren. Nicht ohne Grund gibt es den Ausspruch, dass beim Ausgehen die eigentliche Party auf der Damentoilette stattfindet, man dort für einen Moment unbändige Unterstützung erfahren kann und den Frauen gegenüber trotz der flüchtigen Begegnung eine solche Loyalität aufgrund der Intimität empfindet, dass man es auch Jahre später nicht übers Herz bringt, ihnen auf Instagram zu entfolgen. Solchen verschwesternden Erfahrungen spürt Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen vielstimmig nach, ohne zu verkennen, welchen Schmerz sie durch Ausgrenzung zufügen können. Eine absolute Empfehlung für die Anthologie: Schnattern auf der Damentoilette gewinnt!
von Michaela Minder
Friederike Schilbach (Hg.)
Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen
park x ullstein 2026
160 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-98816-086-7