„von Anpassung und Widerstand, von Sichtbarkeit und Verbergen, von Selbstbehauptung und Verletzlichkeit“
Im Distanz Verlag erschien der gleichnamige Ausstellungkatalog zur Schau Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda, initiiert von KVOST – Kunstverein Ost e.V. und kuratiert von Stephan Koal.
„wie eng Fragen von Identität, Macht, Anpassung und künstlerischer Freiheit miteinander verwoben sind“
Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kulturpolitik wird anhand von neun Künstler*innen der DDR nachgegangen. Selbstredend wird anerkannt, dass „queer“ als Begriff in der DDR keine Verwendung fand, aber hier bewusst verwendet wird, um Kunst(schaffende) abzubilden, die sich jenseits der Cisheteronormativität beweg(t)en. Es wird die nötige Sensitivität an den Tag gelegt, um mit dem Schirmbegriff ,queer‘ „Künstler:innen in eine ,queere‘ Kunstgeschichte der DDR einzubetten, ohne ein posthumes Zwangsouting zu betreiben, gegen das sie sich womöglich verwehrt hätten“. Maria Bühner stellt chronologisch in einem einführenden Essay die queere Lebensrealität in der DDR vor. Auch wenn § 175 nur noch in Westdeutschland weiterexistierte, wurde er in der DDR durch § 151 zum Jugendschutz ersetzt, wodurch für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen minder- und volljährigen Personen ein höheres „Schutzalter“ festgelegt wurde – die Stigmatisierung bestand fort.
Der Titel ist als Frage formuliert und verweist schon auf die herausfordernde Operationalisierung der Publikation. Welche Kunst ist als queer klassifizierbar? Muss sie queere Elemente abbilden und wie explizit müssen diese sein? Muss der*die Künstler*in queer (gewesen) sein? Birgit Bosold erklärt in einem einordnenden Essay, dass es sich die Publikation zur Aufgabe macht, den „wenig bekannten Kanon zu erforschen und sein ästhetisches und gesellschaftliches Potenzial zu entdecken“.
Nach den einführenden Beiträgen gliedert sich der Band in Kapitel, die den jeweiligen Künstler*innen gewidmet sind: Toni Ebel, Dorothea von Philipsborn, Jochen Haas, Rita „Tommy“ Thomas, Jürgen Wittdorf, Erika Stürmer-Alex, Egon Wrobe, Andreas Fux und Harry Hachtmeister. Zu Beginn stellt jeweils ein kurzer Text die Person und ihr Werk vor. Daraufhin folgen Fotografien, die erneut beides zeigen – letztes natürlich in einer Auswahl.
Einzig die Platzierung eines Teils des Bandes, der in blauem Papier gehalten ist und sich vom Rest farblich abhebt, der etwa in der Mitte der Portraits gesammelt die Lebensläufe der Künstler*innen darlegt, irritiert. So aussagekräftig sie auch sind – noch dazu erweitert durch die Ausstellungen der Künstler*innen – sie wären jeweils am entsprechenden Portrait der Künstler*innen sinnvoller gewesen.
Alle Texte sind sowohl auf deutsch als auch auf englisch abgedruckt, den Werken der Künstler*innen wird viel Platz gegeben und sie können somit eindrucksvoll wirken. Abschließend ordnet ein Zeitstrahl die politische Situation für queere Menschen und insbesondere Künstler*innen in Deutschen Kaiserreich, unter dem NS-Regime bzw. später der DDR zwischen 1869 und 2024 prägnant ein.
Der Ausstellungsbesuch sei allemal empfohlen, dazu bietet sich noch bis zum 30. August in Berlin die Möglichkeit. Mit dem Ausstellungsband des Distanz Verlags lässt sich die Schau nahezu eigenständig nachspüren. Darüber hinaus bietet er die Möglichkeit, immer wieder zu den Werken und Biografien der Künstler*innen zurückkehren und ist daher besonders zu empfehlen.
von Michaela Minder

Stephan Koal, KVOST (Hg.)
Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda
Distanz 2026
168 Seiten
38,00 Euro
ISBN 978-3-95476-858-5