Rebecca Ross – Wild Reverence
Rebecca Ross – Wild Reverence

Rebecca Ross – Wild Reverence

Sterne, Türen und Schicksalsfäden

CW: Angst vorm Ertrinken, (explizit beschriebene) Auspeitschung, Blut, Gewalt, Hundebisse, Krieg, Mord (durch kriegerische Akte, Gift, Erfrieren und Ertrinken), Selbstverletzung, Tod (u.a. von Angehörigen)

Wild Reverence ist das Prequel zur bekannten Letters of Enchantment-Dilogie von Rebecca Ross, das viele Jahrhunderte zuvor spielt. Deshalb ist die chronologische Lektüre zwar für kleinere Entdeckungen schön, aber auf keinen Fall notwendig für das Verständnis.

Mathilda ist eine junge Heroldin, in der Welt der Götter nichts Besonderes. Ihre Sterne, die für ihre Magie stehen, sind es jedoch durchaus wert, dass jemand sie stehlen wollen würde. Sie wächst bei dem Clan der Underlings im unteren Reich auf und übernimmt die Botenrolle, die in der griechischen Mythologie bekannterweise Hermes zufällt. Ihrer Mutter Zenia, Göttin des Winters, des Feuers und der Listigkeit, passt das so gar nicht, denn Mathilda wird durch ihre Arbeit zwangsläufig irgendwann ihren Vater Thile kennenlernen. Dieser ist der Lord der Skywards, der Gottheiten, die im oberen Reich leben, und Gott der Dämmerung, der Eide und des Sommers. Mathilda kann frei zwischen den beiden Teilen der Götterwelt sowie der Menschenwelt hin und her reisen, weshalb sie immer mit Neugier empfangen wird, wenn sie einen Auftrag erledigt und erledigt hat.

Durch das Wandeln in seinen Träumen lernt sie schon in ihrer Kindheit den jungen Adligen Vincent kennen. Nach und nach entsteht eine enge Verbindung zwischen den zweien, aber durch chaotische Zustände in der Götterwelt kann Mathilda ihn nicht länger in seinen Träumen besuchen. Vincent wertet ihre Abwesenheit als Abwendung von ihm, besonders, als sie ihm in einer Gefahrensituation nicht zur Hilfe eilt. Umso entschlossener kehrt sie zu ihm zurück, um ihn bei seinem erneuten Kampf gegen seinen Onkel Grimald um die Herrschaft zu unterstützen. Sie gibt sich dazu als seine Braut aus und leistet ihm mithilfe ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten und Verbündeten Beistand.

„Wir waren dem Untergang geweiht, sie und ich. Eines Tages würde ich vergehen, und sie würde weiterleben, so unendlich wie die Sterne.“

Mathildas Kindheit wird überraschend ausführlich erzählt. Das ist aber auch wichtig dafür, dass Wild Reverence funktioniert. Denn ihr Einblick in alle drei Sphären erlaubt es, das Magiesystem zu erklären und aus menschlicher Perspektive einzuordnen. World-Building steht hier also im Gegensatz zur Letters of Enchantment-Dilogie im Fokus. Dafür fällt aber der Romance-Anteil deutlich geringer aus. Zwar können sich Fans von Divine Rivals und Ruthless Vows über ein paar wenige wunderschöne Briefe freuen, jedoch fehlt es an Interaktionen zwischen Mathilda und Vincent, die die Beziehung glaubwürdiger machen würden.

Eine Dynamik, die positiv hervorzuheben ist, ist die zwischen Mathilda und ihrem „Pflegevater“ Bade, dem Gott des Krieges. Mathilda sieht ihn von Anfang als ihren Vater an, denkt aber, dass er nur aus der Verpflichtung seines Salzschwures heraus ständig an ihrer Seite sei. Wie Bades tatsächliche väterliche Liebe zwischen den Zeilen immer offensichtlicher wird, ist einfach herzerwärmend zu lesen.

Eine von Poetik durchwebte Geschichte

Generell ist es unglaublich schön, als Leser*in Wild Reverence in sich aufzusaugen. Das Buch liest sich wie eine Neuerzählung eines griechischen Mythos. Die Sprache, die Ross verwendet, sprudelt nur so über vor Poetik. Allein dafür lohnt sich die Lektüre schon.

Das Verhältnis zwischen gewaltsamen und ruhigen Szenen ist klug gewählt und die Überschriften der Kapitel sind so formuliert, dass man sich nur noch eines mehr gönnen möchte und plötzlich sind es doch fünf geworden. Um den Überblick darüber zu behalten, welche Gottheit welche Magie innehält (und welche gestohlen hat) und wie man sich die Götterhierarchie vorstellen kann, gibt es auf den ersten Seiten des Buches eine Übersicht dazu.

Wild Reverence ist insbesondere für einen besseren Einblick in das Magiesystem, das sich Ross ausgedacht hat, eine tolle Ergänzung zu der Letters of Enchantment-Dilogie. Das Prequel steht aber auch für sich allein und bietet eine gut unterhaltende Geschichte für zwischendurch mit einer unglaublich lyrischen Sprache als Highlight.

von Alina Köhler

Rebecca Ross
Wild Reverence
Ins Deutsche übertragen von Ulrike Gerstner
LYX 2025
816 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-7363-2586-9

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