Zwischen Kunstraub und dunklen Familiengeheimnissen
—
CW: Alkoholismus, Brandlegung, Drogenmissbrauch, Ertrinken, Femizid, häusliche Gewalt, Mord, physische und psychische Gewalt, Strangulation, Suchterkrankung, Suizid, Tod, Trauma, Unfall
—
Mit Das geheime Bildnis legt das Autorenduo Ellery Lloyd einen ebenso faszinierenden wie verwirrenden Kunstthriller vor, der weit mehr sein will als eine spannende Geschichte über ein rätselhaftes Gemälde. Der Roman verbindet kunsthistorische Rätsel mit einer Familientragödie, gesellschaftlicher Kritik und einem komplexen Geflecht aus Geheimnissen, das sich über Jahrzehnte erstreckt. Zwischen Kunsthandel, Mord, Täuschung und Erinnerung entfaltet sich eine Geschichte, die ihre Leserinnen und Leser bis zur letzten Seite beschäftigt – manchmal begeistert, manchmal auch etwas überfordert.
Insgesamt spielt die Handlung auf drei Zeitebenen. In den 1930er Jahren begleitet man die Künstlerin Juliette Willoughby während ihrer Zeit in Paris und ihrer komplizierten Beziehung zu dem deutlich älteren Künstler Oskar Erlich. Parallel dazu verfolgt der Roman die Kunsthistoriker*innen Caroline und Patrick während ihrer Studienzeit in Cambridge sowohl im Jahr 1991 als auch Jahrzehnte später, als eine spektakuläre Kunstauktion durch den Tod ihres ehemaligen Studienkollegen Harry überschattet wird. Aus diesen zunächst lose wirkenden Erzählsträngen entwickelt sich nach und nach ein vielschichtiges Puzzle aus Kunstraub, Täuschungen, familiären Verstrickungen und lang verborgenen Wahrheiten.
Die Spannung entsteht dabei weniger durch actionreiche Szenen als durch ein stetig wachsendes Gefühl der Unsicherheit. Stück für Stück werden Informationen enthüllt, Beziehungen hinterfragt und vermeintliche Gewissheiten zerstört. Die unterschiedlichen Erzählperspektiven sorgen dafür, dass die Wahrheit lange im Verborgenen bleibt, denn immer wieder werden neue Zusammenhänge offenbart, längst vergessene Figuren kehren zurück und scheinbar unbedeutende Details gewinnen plötzlich an Bedeutung. Gegen Ende entsteht ein derart ausgeklügeltes Netzwerk aus Verschwörungen, geheimen Plänen und verborgenen Identitäten, dass einem als Leser*in zeitweise, bildlich gesprochen, schwindelig werden kann.
Diese Komplexität ist zugleich eine der größten Stärken und Schwächen des Romans. Die hohe Figurendichte macht es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Zahlreiche Charaktere scheinen zunächst nebensächlich, tauchen jedoch Jahrzehnte später plötzlich wieder auf und spielen eine zentrale Rolle. Wer Freude an verschachtelten Handlungen und überraschenden Wendungen hat, wird dies als Bereicherung empfinden; wer eine klar strukturierte Geschichte bevorzugt, könnte sich zeitweise verloren fühlen. Stellenweise wirkt die Handlung dadurch fast schon absurd kompliziert, ohne dabei ihre Faszination vollständig einzubüßen.
Hinzu kommt eine ausgesprochen düstere Atmosphäre. Viele Figuren sind schwer traumatisiert und bewegen sich in zerstörerischen Beziehungsgeflechten. Besonders erschütternd ist Carolines Familiengeschichte: Ihr Vater ermordete ihre Mutter in einem Anfall von Alkohol und Wut mit bloßen Händen – ein Trauma, das ihr gesamtes Leben überschattet. Doch auch Juliettes Leben ist von Gewalt, Verlust und toxischen Beziehungen geprägt. Einige Szenen bewegen sich dabei an der Grenze zum Morbiden. So nimmt ihr Lebenspartner Oskar sie etwa mit in die Leichenhalle, damit sie Inspiration für die Darstellung ihrer als Kind ertrunkenen Schwester finden kann. Solche Momente verleihen dem Roman eine verstörende Intensität, dürften jedoch nicht für alle Leserinnen und Leser leicht verträglich sein.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Kunstgeschichte, Kunsthandel und Ägyptologie. Die zahlreichen kunsthistorischen Begriffe und Verweise schaffen eine authentische Atmosphäre und passen grundsätzlich gut zur Handlung rund um das Selbstporträt als Sphinx. Dennoch wirken manche Verbindungen zur Ägyptologie etwas konstruiert und erscheinen gelegentlich eher als Mittel zur Mystifizierung der Geschichte als als organischer Bestandteil der Handlung.
Trotz aller Thriller-Elemente liegt die eigentliche Stärke des Romans jedoch in seinem gesellschaftlichen Kern. Das geheime Bildnis erzählt von der Unsichtbarkeit weiblicher Künstlerinnen und den patriarchalen Strukturen, die Frauen über Generationen hinweg daran hindern bzw. hinderten, Anerkennung für ihre Arbeit zu erhalten. Das Schicksal der fiktiven Juliette Willoughby steht stellvertretend für zahlreiche Künstlerinnen, deren Werke ignoriert, gestohlen oder in der Vergangenheit Männern zugeschrieben wurden. Besonders prägnant wird diese zentrale Botschaft in einer der eindrucksvollsten Passagen des Romans formuliert: „Ich sehe das Gesicht einer Frau, die einst so eindringlich und leidenschaftlich zu mir davon gesprochen hat, auf wie vielerlei Weise die Kunst von Frauen vernachlässigt, vergessen oder gar zerstört wurde.“
„Ich hole eine Frau zurück ins Leben.“
Tatsächlich geht es letztlich genau darum: Um die Wiederentdeckung einer Künstlerin, die aus der Geschichte verdrängt wurde. Das Autorenduo zeigt eindringlich, wie Männer oft leichter Erfolge feiern konnten – nicht selten auf Kosten der Frauen, deren Talent sie ausbeuteten, deren Werke sie sich aneigneten oder denen sie durch Gewalt, Manipulation und gesellschaftliche Machtpositionen buchstäblich die Luft zum Atmen nahmen. Damit wird Das geheime Bildnis zu einer Geschichte über Kunst und Erinnerung, aber auch über die Frage, wem kulturelles Erbe zugeschrieben wird und wer aus der Geschichtsschreibung ausgeschlossen wurde und bleibt.
Das geheime Bildnis ist ein atmosphärischer und äußerst spannender Roman, der Kunstgeschichte, Kriminalfall und Gesellschaftskritik intelligent miteinander verbindet. Gleichzeitig ist er stellenweise etwas überladen, verworren und aufgrund seiner komplexen Figurenkonstellationen nicht immer leicht zu verfolgen. Wer jedoch Freude an kunsthistorischen Thrillern, verschachtelten Erzählungen und Geschichten über verborgene Wahrheiten hat, wird hier bestens unterhalten.
von Kristina Steiner

Ellery Lloyd
Das geheime Bildnis
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Wallbaum
Knaur HC 2025
432 Seiten
16,99 Euro
ISBN 978-3-426-56161-4