Zwischen jetzt und damals
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CW: Panik, Psychische Probleme, Zwänge
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Schon seit drei Jahren versucht Jojo sich von ihrer Vergangenheit zu trennen, als sie plötzlich eine DVD bekommt, die alle alten Narben wieder aufreißt. Denn die DVD stammt von Yara, genau dem Menschen, der an all diesen alten Wunden schuld ist. Mit großer Wucht holen sie die ganzen alten Erinnerungen wieder ein, die sei eigentlich vergessen wollte – zumindest die meisten. Denn genau der Grund, warum ihre beste Freundin damals verschwunden ist, ist irgendwo zu tief vergraben. Oder?
Nach außen scheint es, als hätte Jojo ihre Herkunft hinter sich gelassen. Sie studiert Molekularbiologie in einer Kleinstadt, arbeitet jede freie Minute im Labor und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Doch innerlich begleitet sie ständig diese Angst, jemand könnte erkennen, dass sie hier eigentlich gar nicht dazugehört. Dass sie aus einem anderen Milieu kommt, in dem man normalerweise nicht studiert. Klassismus ist für Jojo kein theoretisches Problem, sondern harter Alltag, ein permanentes Gefühl des Nicht-Reinpassens. Erst als sie Jakob kennenlernt, scheint sie langsam wieder Vertrauen zu fassen. Und nun wird Jojo in alte Zeiten zurückversetzt, durch die DVD ihrer Freundin, aber auch durch die wiederkehrende Angst vor dem Verlassen-Werden.
In ihrem Debütroman Kaskaden verbindet Louise K. Böhm auf zarte und besondere Weise Gegenwart und Erinnerung. Während Jojo versucht, ihren Platz im Hier und Jetzt zu finden, entfaltet sich nach und nach die Geschichte hinter der intensiven Freundschaft mit Yara, die von einem auf den anderen Tag abrupt endete. Gerade durch dieses langsame Eintauchen in die Vergangenheit, der stückchenweisen Enthüllung des Geschehenen, wird eine starke Spannung erzeugt. Der Roman lebt nicht von den großen Wendungen, sondern den vielen kleinen Momenten, die oft so viel mehr erzählen.
„Kann man das Herz aufhalten und hindurchgehen mit einem Besen in der Hand und den Schmerz hinauskehren.“
Ein besonderes Highlight ist auch der Schauplatz des Labors. Frauen in der Naturwissenschaft finden in der Gegenwartsliteratur nach wie vor (leider) viel zu wenig Platz, und Louise K. Böhm gelingt es, diesen Alltag ganz selbstverständlich in Jojos Geschichte einzubetten. Das Labor ist für sie ein Ort der Sicherheit, ein Gegenpol zu ihrem emotionalen Chaos, wo sie zur Ruhe kommen und alles vergessen kann. Hier hat sie alles unter Kontrolle, auch wenn ihr sonst im Leben alles zu entgleisen droht.
Kaskaden überzeugt aber nicht nur durch die gesellschaftlichen Motive wie Klassismus und Herkunft, die immer wieder aufgegriffen werden, sondern vor allem durch die Figuren und zwischenmenschlichen Beziehungen. Jojo ist bei weitem keine perfekte Protagonistin. Sie tut Menschen weh, schweigt, stößt andere von sich und macht es ihnen besonders schwer, sie zu lieben. Aber gerade das macht sie besonders authentisch. Ihre Panik, ihre Zwänge und ihre Angst vor emotionaler Verletzlichkeit fühlen sich nie konstruiert an, sondern sehr nachvollziehbar im Anbetracht ihrer Vergangenheit. Aber auch die Nebenfiguren Melle, Jakob und Alexis sind nicht nur oberflächliche Begleiter, sondern bringen Tiefe und vor allem Wärme in die Geschichte.
Der Schreibstil ist intensiv und fast poetisch, er enthält viele Bilder, ohne dabei übertrieben zu wirken. Das Buch liest sich so leicht, und trotzdem steckt so viel drin. So viele Sätze, bei denen man am liebsten innehalten und sie anstreichen möchte, weil sie so viele Fragen und Wahrheit enthalten, die man selbst kennt: Bin ich genug? Wo gehöre ich hin? Was, wenn ich irgendwann wieder verlassen werde?
Kaskaden ist ein besonderer Roman, der lange nachhallt. Er tut weh, ist schonungslos ehrlich, bringt einen zum Lachen und zum Weinen. Ein Buch, das von Freundschaft und Verlust, aber auch von Herkunft und dem Dazugehören erzählt, und davon wie schwer es ist, sich selbst neu zu erfinden, wenn einen die Vergangenheit immer wieder einholt.
von Johanna Listl

Louise K. Böhm
Kaskaden
Penguin 2026
288 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-328-60524-9