Anne Boyer – Die Unsterblichen
Anne Boyer – Die Unsterblichen

Anne Boyer – Die Unsterblichen

„Ich will Krebs nicht so erzählen, wie es mir beigebracht wurde.“

CW: Klassismus, Krebs, Rassismus, Sexismus, Suzid, Tod

Der Essayband Die Unsterblichen von Anne Boyer über Krankheit, Körper und Kapitalismus wurde von Daniela Seel übersetzt. Das englische Original erschien unter dem Titel The Undying bereits 2019 und wurde 2020 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Boyer erzählt von ihrer Diagnose triple-negativer Brustkrebs, welche sie mit 40 Jahren erhielt, und reflektiert ihre Erfahrungen anhand der literarischen Auseinandersetzung mit Kathy Acker, Audre Lord, Susan Sontag und Virgina Woolf.

„Im Krebspavillon ist Ungehorsam gefährlich, aber Mitlaufen nicht weniger.“

Boyer stellt dabei nicht ihr eigenes Erleben in den Mittelpunkt, sondern bleibt großteils auf der Metaebene. Auch wenn es sich um ein Memoire handelt, überwiegen politische Analysen. In kurzen Kapiteln arbeitet die Autorin verschiedene Facetten heraus – beispielsweise den Umgang mit Schmerzen, finanziellen Herausforderungen und die Entwicklung von Behandlungsmethoden – und ordnet sie kritisch ein. Die Komplexität und der historische Abriss zu Beginn sorgen möglicherweise für Irritationen, wenn man nur eine persönliche Geschichte erwartet, aber schnell gewinnt man diese Elemente lieb. Gerade die mehrdimensionale Betrachtung und die Einordnung der persönlichen Erfahrungen in den gesellschaftlichen Kontext sind eine Bereicherung. Die Kombination aus entwaffnender Ehrlichkeit über persönliche Erlebnisse und sachlicher Klarheit über strukturelle Probleme entfaltet eine immense Schlagkraft.

„Von Menschen mit Brustkrebs wird erwartet, sie selbst zu sein wie zuvor, nur besser und stärker und im selben Atemzug auch herzzerreißend schlechter.“

Dem Schreibstil merkt man deutlich an, dass die Autorin eine vielfach ausgezeichnete Lyrikerin ist, denn zahlreiche Passagen bestechen durch ihre poetische und treffsichere Sprache. Generell lässt sich sagen, dass das Buch von einem originellen Blickwinkel geprägt und mit interessanten sprachlichen Bildern gefüllt ist. Trotz der Schwere des Themas fliegt man nur so durch die Seiten und staunt über die Vielschichtigkeit und Dichte. 

„Jemand Unbedeutendes unter starken Schmerzen zu sein, bedeutet in unserer spezifischen historischen Gegenwart, jemand zu sein, der:die den eigenen Körper bewohnt, während die meisten einfach nur schauen wollen.“

Besonders herausragend ist Boyers Nachdenken über Frauen, deren Geschichten nie erzählt wurden, weil sie an Krebs gestorben sind. Was würden die toten Frauen schreiben? Was macht es mit uns, wenn wir nur den Überlebenden zuhören? Wem erlauben wir zu sprechen?

Die Unsterblichen ist ein hochgradig lesenswertes Buch, welches einen Mehrwert bietet, der weit über seinen Beitrag zum Nachdenken über Brustkrebs hinausgeht. Vielmehr nutzt Boyer Brustkrebs exemplarisch, um ihre Überlegungen ausgehend davon zu entfalten und verleiht ihnen durch feine Einblicke in ihre Biografie Tiefe und Glaubwürdigkeit.

von Jasmin Fuchs

Anne Boyer
Die Unsterblichen
Aus dem amerikanischen Englisch von Daniela Seel
Matthes & Seitz Berlin 2026
278 Seiten
15,00 Euro
ISBN 978-3-7518-4544-1

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