Lisa See – Die Insel der Meeresfrauen
Lisa See – Die Insel der Meeresfrauen

Lisa See – Die Insel der Meeresfrauen

Sumbisori, Schamanismus und Schwesternschaft

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CW: Ertrinken, Mord, Tod, Trauer, Vergewaltigung, Verstümmelung

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Young-sook und Mi-ja sind im historischen Roman Die Insel der Meeresfrauen von Lisa See seit ihrer frühen Kindheit beste Freundinnen. „Jeju ist ihre Heimat, eine Insel, die für drei Reichtümer bekannt ist: Wind, Steine und Frauen.“ Für Frauen, weil sie als Haenyeo ohne Sauerstoffgeräte in der Meerestiefe tauchen, um mithilfe ihrer Ernte von Meeresfrüchten ihre Familien zu ernähren. Young-sook stammt aus einer Familie von Haenyeo, während Mi-ja als Tochter eines japanischen Kollaborateurs nicht nur von den Nachbarfamilien, sondern auch von ihrer eigenen schlecht behandelt wird. Young-sook und ihre Mutter haben sich ihrer angenommen und sie in die Frauengemeinschaft der Meerestaucherinnen aufgenommen.

„Wir sind nicht durch eine Zeremonie aneinander gebunden oder durch die Pflicht, einen Sohn zu zeugen, wir binden uns durch Augenblicke aneinander. Den Funken bei der ersten Begegnung. Gemeinsames Lachen und geteilte Tränen. Geheimnisse, die wir behüten, wahren und schützen. Das Staunen, dass jemand so anders sein kann als man selbst und dennoch dein Herz versteht wie niemand sonst.“

Gemeinsam beginnen die Freundinnen im April 1938 ihre Arbeit im Meer. Sie lernen, ein gutes Sumbisori zustande zu bringen. Das ist das Geräusch, das sie erzeugen, wenn sie beim Auftauchen aus dem Meer die Luft in ihren Lungen wieder ausstoßen und tief durchatmen. Es klingt wie ein Pfeifen oder der Ruf eines Delfins. Sie führen außerdem die Gebete und Rituale des Schamanismus durch, die ihre Kultur prägen. Allerdings erleben die beiden viel zu früh solches Leid, wie sie es in ihren Ruderliedern besingen. Sie können sich gegenseitig stützen, bis ein schreckliches Ereignis Young-sooks und Mi-jas tiefe Freundschaft zu zerreißen droht.

See stellt in ihrem neuen Buch Die Insel der Meeresfrauen die Frage, ob es eine Grenze gibt, wie viel eine Freundschaft aushalten kann, bevor Verzeihen unmöglich wird. Leser*innen begleiten mithilfe von Zeitsprüngen die Entwicklung der Freundschaft vom gemeinsamen Aufwachsen über das Arbeiten im Meer bis hin zum Bruch und dem „Danach“, und zwar aus Young-sooks Ich-Perspektive.

„Ich wünschte, ich könnte all das aus meinem Gedächtnis löschen, aber es würde niemals mehr verschwinden.“

Der historische Kontext ist nicht reine Kulisse, sondern der zentrale Faktor, der Young-sooks und Mi-jas Leben steuert. Zunächst in eine Richtung, als sie unter der japanischen Besetzung Koreas mit Tauchgängen ihre Familien zu ernähren versuchen, was insbesondere in den Kriegsjahren extrem schwierig ist. Spätestens nach der Teilung Koreas in Nord und Süd und dem Austausch der Japaner durch Amerikaner ist offensichtlich, dass ihre Ehen die Freundinnen in zwei unterschiedliche Leben lenken. Und dann kommt es zum sogenannten „Vorfall vom 3. April“, der nicht nur die beiden schlussendlich auseinanderreißt, sondern alle Familien in Jeju sehr hart trifft und ein kollektives Trauma verursacht. Daraufhin folgt Schweigen, von der Regierung verlangt und von Young-sook und Mi-ja gewollt.

Erst viele Jahre später wird Young-sook wieder mit ihrer (Hass-)Liebe zu Mi-ja konfrontiert, denn deren Familie taucht plötzlich auf und möchte mit ihr sprechen. Diese Kapitel werden geschickt mit den chronologischen Zeitsprüngen verwoben, sodass Leser*innen immer weiterlesen wollen, um herauszufinden, was die engen Freundinnen auseinandergetrieben hat und ob Young-sook Mi-ja irgendwann verzeihen kann. Interessanterweise sind diese Kapitel in der 3. Person aus Young-sooks Perspektive verfasst. In Kombination mit dem, was Mi-jas Familie Young-sook mitzuteilen hat, schafft See dadurch den Raum, auch Mi-jas Perspektive verständlich zu machen.

„Wir steigen hinab in die Unterwelt, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und kehren in diese Welt zurück, um unsere Kinder zu retten.“

Zwangsläufig handelt das Buch auch davon, was es bedeutet, eine Haenyeo zu sein: „Die Last – der greifbare, physische Beweis meiner Arbeit – bedeutete für mich Geld, Chancen und Liebe.“Die unglaubliche Stärke und das Gemeinschaftsgefühl dieser Frauen arbeitet See feinfühlig heraus und lässt den matrifokalen Charakter Jejus, einen der grundlegenden Unterschiede zum restlichen Korea, wie einen roten Faden den Roman durchziehen. Die Skizzierung der Veränderung der Kultur der Haenyeo von der überlebenswichtigen Arbeit über den Untersuchungsgegenstand für Forscher*innen bis hin zur Attraktion für Tourist*innen, die die glücklicherweise letzte Generation bei der gefährlichen Arbeit beobachten wollen, bindet die Autorin durchdacht in die Geschichte ein und zeigt damit einmal mehr, dass sie für Die Insel der Meeresfrauen intensiv recherchiert hat.

Ein einfühlsamer Roman, der vor dem Hintergrund eines wichtigen Teils der Geschichte und Kultur Jejus von Freundschaft, Verlust und Verzeihen erzählt.

von Alina Köhler

Lisa See
Die Insel der Meeresfrauen
Aus dem amerikanischen Englisch von Elke Link
Gutkind 2026
528 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-98941-098-5

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