„Die eigene Geschichte ganz allein zu überleben, zu bezeugen und zu rächen, war gefährlich.“
CW: sexualisierte Gewalt, Queerfeindlichkeit
Muri Daridas Romandebüt erzählt von (Wahl-)Familie, Männlichkeit und Gewalt – mit einem beeindruckenden Gespür für die Lebendigkeit von Sprache.
Video-Journalist Lazi fährt von Berlin nach Ungarn – eine Reise, mit der Lazi die Vergangenheit zwingt, sich der Gegenwart zu stellen. Das Ziel ist es, das lange verschollene Gewehr seines Großvaters András, der während des Aufstands 1956 floh und in Süddeutschland landete, zu finden. In der ungarischen Provinz wird Lazi mit der Verwandtschaft mütterlicherseits konfrontiert und diese mit dem lange fortgebliebenen Familienmitglied. Denn „die Jahre des Wegbleibens [waren] genau die, in denen Lazi angefangen hatte, sich selbst im Spiegel erkennen und unter der eigenen Haut spüren zu wollen.“ Lediglich Tante Mónika, die verdächtigt wird, das Gewehr gestohlen zu haben, versteht die Wandlung von „Damals-noch-nicht-Lazi“ zu Lazi. Gleichzeitig ahnt sie, dass Lazis Motiv, die Waffe zu finden, Rache ist.
Darida zeigt mit King Cobra wie Schweigen über Gewalt selbst zur Gewalt wird. Die Sprache, mit der der Autor dieses Schweigen transportiert und Lari dagegen Widerstand leisten lässt, ist lebendig und innovativ. Die häufige Verwendung von Ungarisch bedarf bei der Lektüre eine Eingewöhnung, auch wenn immer direkt eine Übersetzung kommentiert wird. Diese Kommentare werden von einer Erzählinstanz vorgenommen, die sich dadurch auch subtil zum Inhalt des Romans äußert und schließlich als Auflösung mit der Romanfigur vereinigt wird. Der darauffolgende Perspektivwechsel von der dritten in die erste Person spürt Verdrängung, Authentizität und Selbstermächtigung nach.
„Vielleicht brauchte es kein Gewehr. Keinen Mord. Einfach ein paar Kilo weniger und dafür ein paar Gramm Frieden mehr in der Brust.“
Die Darstellung der transmaskulinen Erfahrung Lazis ist eine weitere Stärke des Romans. Die Entscheidung zwischen „Luft bekommen oder atmen können“, die für letztere und damit für den Binder ausfällt oder die Mastektomienarben der Brust, „die nicht einfach ,weg‘ war, sondern zum ersten Mal da“ zeugen von der Körperlichkeit von Identität. Die konstante Anspannung, ob eine Kontrolle mit dem Ausweis, der ein ,Damals-noch-nicht-ich‘ darstellt, wird mit der Erleichterung kontrastiert, die einsetzt, wenn man von einer Person direkt in der eigenen Identität angenommen wird. Besonders in den Szenen, die Begehren zum Ausdruck bringen, zeugt Darida von feinfühligem Gespür. Organisch wird Sex aus transgeschlechtlicher Perspektive sinnlich eingefangen, ohne ihn zu fetischisieren oder holprig erscheinen zu lassen, sondern mit einer Wortkunst, die dessen Komplexität berührend Sorge trägt.
„Gerechtigkeit werde ich weder finden, indem ich mit Menschen diskutiere, die mich entmenschlichen, noch indem ich auf sie schieße. Heißt nicht, dass ich’s nicht trotzdem tue.“
Lazis Kampf mit dem Schweigen und der Gewalt in der Familiengeschichte ist nicht nur die Suche nach einem Gewehr, es ist die versinnbildlichte Suche nach Selbstermächtigung. In einem fulminanten Ende lässt Muri Darida scharfsinnig Lazis Widerstand kulminieren. Ein wahrlich perfekter Romanabschluss! Gerade die – im positivsten Sinne – Eigenwilligkeit der Stilistik Muri Daridas legt nahe, warum King Cobra vollkommen verdient für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 nominiert wurde.
von Michaela Minder

Muri Darida
King Cobra
dtv 2026
288 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-423-28518-6