Lance Oppenheim – Primetime
Lance Oppenheim – Primetime

Lance Oppenheim – Primetime

„What would have happened if I wasn’t there?“

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CW: Gewalt

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Unter der Regie von Lance Oppenheim und dem Drehbuch von Ajon Singh erzählt Primetime eine Geschichte über Ehrgeiz, die Macht der Öffentlichkeit und Moral, basierend auf einer wahren Begebenheit.

„You see how this looks, right?“

Mitte der 2000er-Jahre überführt Journalist Chris Hansen (Robert Pattinson) gemeinsam mit seiner Produzentin (Merritt Weaver) pädophile Triebtäter in der Reality-TV-Show To Catch A Predator. Sein Team chattet mit den Männern, indem sie sich als junge Teenager ausgeben und versuchen, dass sie anbeißen und einem Treffen zustimmen, das sie für die Show nutzen können. Verifizierungstelefonate und die ersten paar Minuten des Treffens sind Aufgabe der Lockvögel – Schauspielenden, deren Rolle es ist, zum Beispiel einen 13-jährigen Jungen zu verkörpern. Die Falle schnappt zu, der Lockvogel verschwindet und Chris Hansen bekommt seinen großen Auftritt. Er stellt die Männer vor laufender Kamera zu Rede, liest ihnen die sexualisierten Nachrichten der Chats vor und prangert sie somit vor der TV-Öffentlichkeit an. Anschließend übernimmt die Polizei. Ein Showkonzept, welches den Einschaltquoten nach sehr erfolgreich ist, Law and Order und Selbstjustiz verbindet. Hansen erhält Bewunderung und Zuspruch, doch er vergleicht sich mit erfolgreicheren TV-Persönlichkeiten und strebt nach mehr, nach der Primetime. Dafür braucht er auch mehr – krassere Fälle, krassere Takedowns. Wie im Wahn strebt er danach, erhöht den Druck, der sich im Finale entlädt.

„There used to be a pillory in every town. Now there is a TV in every home and I’m on it.“

Wie Hansen in der ersten Konfrontation des Films hinter einem Vorhang hervortritt, um dem Täter zu überführen, hat etwas Theatralisches. Der Journalist versteht sich als Showmaster, die Einschaltquoten sind sein Maßstab. Immer wieder zeigt der Film Sequenzen, wie Hansen die expliziten Chatnachrichten in Vorbereitung auf die Konfrontation vor sich hinmurmelt, verschiedene Betonungen testet, das Spektakel probt. Diese werden fast zu einem perfiden Mantra, dem Sound, der den Film begleitet. Oppenheim transportiert dadurch wirkungsvoll die Besessenheit, mit der Hansen nach Erfolg, nach der Sendezeit zur Primetime strebt. Zeitgleich verhandelt er somit geschickt, dass es Hansen nie um eine moralische Gerechtigkeit ging, sondern um eine Show, mit der er sich profilieren kann. Die kalkulierte Art, wie er deshalb versucht, seine Lockvögel bei der Stange zu halten, und bereit ist, Risiken einzugehen, verkörpert Pattinson gekonnt.

Mit dem Schauspieler Dan (Skyler Gisondo), der ahnungslos in das Casting und den Job startet, wird die Geschichte der Lockvögel betrachtet. Die Dissonanz zwischen dem Versuch, einen Durchbruch als Schauspieler*in zu erlangen, Credits zu sammeln, nur um letztlich eine emotional so mitnehmende Rolle ohne adäquates Training und Fürsorge verkörpern zu müssen, findet Beachtung in Primetime. Der arbeitstechnische Missbrauch des Networks den Schauspielenden gegenüber wird thematisiert, die Täter und das System, das sie schützt, jedoch nicht. Der Film orientiert sich inhaltlich stark an der tatsächlichen Show und dem tatsächlichen Hansen und übt Kritik an beidem. Dennoch werden Aspekte wie der Diskurs zur Provokation einer strafbaren Handlung durch die Show sowie die Tatsache, dass viele der Anklagen aufgrund dessen wieder fallengelassen wurden, ausgeblendet.

Primetime ist stark stilisiert. Die Lichtführung legt den Fokus der Einstellungen auf die Ästhetik, was den Kontrast zum herben Inhalt unmissverständlich markiert. Genau durch diesen Kontrast wird eine gespenstische, bedrohliche Unruhe erzeugt, die durch die vielen Close-Ups noch verstärkt wird.

Die Beachtung des Missbrauchs, den die Show an den Lockvögeln begeht und somit zu dem wird, was sie eigentlich vorgibt zu jagen, die schauspielerische Leistung von Pattinson, Weaver und Gisondo sowie die stilisierte Kinematographie machen Primetime empfehlenswert, auch wenn der Film thematische Schwächen aufweist.

Weitere Vorstellungen der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln finden am 23. und 24. Oktober jeweils um 22:55 Uhr im Lichtspiel sowie am 4. November um 18:25 Uhr im Odeon in der deutschen Fassung statt.

von Michaela Minder

Lance Oppenheim
Primetime
USA 2026
110 Minuten
FSK 12

Fotos ©A24

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