Aisling Rawle – Das Spiel
Aisling Rawle – Das Spiel

Aisling Rawle – Das Spiel

Das Leben als Spiel

Stellt euch mal vor, man befindet sich in einem Haus mitten in der Wüste, in dem man für Aufgaben, die von Producern gestellt werden, belohnt wird und dadurch den Haushalt und das Leben gestalten kann. Wie in einem Spiel erfüllt man Aufgaben und bekommt etwas als Belohnung, was man sich zu besitzen gewünscht hat. Man wohnt mit anderen zusammen, mit denen man das Spiel spielt. Und jedem*r wurde eine Rolle im Hause zugeteilt, um sich um den Haushalt, etwa Putzen und Kochen, zu kümmern. Sie können so lange friedlich leben, bis sie zu der Aufgabe kommen, bei der sie andere rausschmeißen sollen, um den gesamten Haushalt und das Haus allein zu besitzen.

In dem Buch Das Spiel von Aisling Rawle befindet sich die Protagonistin Lily in dieser Situation. Man weiß nicht, wie und von wem sie in dieses Haus mitten in der Wüste gebracht wurde, weil sie eines Morgens in einem Bett aufwacht, ohne zu wissen, wo sie überhaupt ist. Sie läuft durch das Haus, um jemanden zu finden. Zunächst findet sie nur 10 Frauen, sich selbst eingeschlossen. Sie alle wohnen dort ohne Hierarchie und kümmern sich um die ihnen zugeteilte Hausarbeit. Und dann kommen neun Männer aus der Wüste. 9 Männer und 10 Frauen müssen miteinander konkurrieren, indem sie die Aufgaben von Producern erfüllen, um am Ende alles allein zu besitzen. Es ist eine Show, an der jede*r teilnehmen kann und von Zuschauer*innen ständig beobachtet wird. Man kann dort bleiben, solange man will, wenn man die Aufgaben erfüllt. Um in diesem Hause weiterhin bleiben zu können, muss man letztlich jemandem in den Rücken fallen.

Welche Motivation die Protagonistin hatte, an diesem Spiel teilzunehmen, erfährt man erst gegen Ende des Buches. Es scheint allerdings, dass die Teilnehmenden im Buch diesen Ort zuerst für eine Utopie halten, sich ihre Wahrnehmung im Verlauf der Geschichte jedoch allmählich verändert und der Ort für sie zu einer Dystopie wird.

„Klar, wir haben alle gesagt, wir wollen dort in Frieden leben, aber ich glaube, eigentlich waren wir nur auf der Suche nach neuem Unglück, in das wir uns stürzen können.“

Nachdem man das Buch bis zum Ende gelesen hat, fallen einem drei zentrale Punkte auf, über die es sich nachzudenken lohnt und die man aus der eigenen Perspektive mit anderen diskutieren kann.

Materialität: Nach mehreren Belohnungen durch Erfüllung der Aufgaben werden die Teilnehmenden geiziger und sehnen sich nach noch mehr. Sie werden abhängig von Materiellem, um ihre innere Leere zu füllen. Dadurch werden die Aufgaben mit Personal- und Gruppenaktivitäten komplizierter und gruseliger, denn man soll andere auswählen, um sie aus dem Haus rauszuschmeißen, oder jemanden verraten, damit man selbst weiterhin im Haus bleibt und noch mehr Sachen besitzen kann.

Dadurch wird die Beziehung zwischen Menschen lediglich zu einem Mittel, um den eigenen Wunsch zu erfüllen. An diesem Punkt kann man die Menschlichkeit betrachten und sich fragen, ob Menschen sich überhaupt gegenseitig erlösen oder nur manipulieren und hassen können. Darüber, was es bedeutet, menschlich zu sein, kann man sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht hinterfragen.

Darüber hinaus spielt die Abhängigkeit von den Aufgaben der Producer in Das Spiel eine zentrale Rolle. In der Geschichte wird ständig gezeigt, dass die Figuren von Zuschauer*innen im Fernsehen beobachtet werden. Das Leben in der Show wirkt wie ein Spiel vor den Augen der anderen, während die Teilnehmer*innen der Show ihr Leben sehr ernst nehmen. Im Laufe der Zeit verlassen einige Teilnehmer*innen freiwillig die Show, da sie feststellen, dass es zwischen dem Leben in der Show und ihrem alten Leben keinen Unterschied gibt.

Daher ist der Roman Das Spiel sehr empfehlenswert, um noch über viele weitere Aspekte als die drei genannten Punkte zu diskutieren. Insbesondere in der gegenwärtigen Zeit, in der man sich ständig fragt, wie man glücklich werden kann.

Man könnte Das Spiel so interpretieren, dass das Leben mit Menschen viele Konflikte, verursacht. Jedoch benötigen wir zugleich andere Menschen, um uns wohlzufühlen. Materialität bzw. Geld brauchen wir auch, um unser Leben reich zu gestalten und alle finanziellen Probleme zu lösen. Aber die Gemeinschaft und das Geld können uns verderben, indem sie unsere Begierde vergrößern. Der Roman zeigt sehr detailliert die Ironie auf, dass wir Gemeinschaft und finanzielle Ressourcen brauchen, dadurch aber auch viele Konflikte entstehen. Deshalb bietet er Leser*innen einen Mehrwert, indem er philosophische Fragen stellt.

von Si hyun Joo

Aisling Rawle
Das Spiel
Aus dem Englischen von Lena Riebl
btb 2026
400 Seiten
24 Euro
ISBN 978-3-442-76325-2

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