Vratislav Maňák – Mit Wittgenstein in der Schwulensauna
Vratislav Maňák – Mit Wittgenstein in der Schwulensauna

Vratislav Maňák – Mit Wittgenstein in der Schwulensauna

„Schwule erkennen sich in mächtigen Frauen wieder.“

Der tschechische Journalist und Schriftsteller Vratislav Maňák spürt in Mit Wittgenstein in der Schwulensauna der mitteleuropäischen schwulen Männlichkeit nach. Von Prag über Wien nach Berlin sowie in Parks, Opernsäle und Saunen führt ihn seine literarische Reise, die er essayistisch in soziologischen Reportagen niederschreibt. Die Texte entstanden zwischen 2022 und 2025 und sind durch Lena Dorn ins Deutsche übertragen worden.

Mit poetisch anmutenden Titeln und Untertiteln, bei denen sich erst nach der jeweiligen Lektüre erschließt, wie gut sie gewählt sind, widmet sich Maňák der mitteleuropäischen schwulen Kultur. Den Einstieg macht er mit der Budapester Badeanstalt Rudas, die einen Raum für Cruising bietet, aber keine dezidiert schwule Männersauna ist, sich deshalb zwischen den Sphären befindet und sich genau daraus speist. Hier verhandelt er das Verhältnis von Körperlichkeit und Nähe. In einem anderen Text zieht der Autor mit einer Metapher ein Band zwischen Ganymed, Zeus und Hera sowie der Anbiederung Homosexueller, die in der Hoffnung auf Gleichberechtigung ihr Anderssein relativieren. Der Autor veranschaulicht diese Dynamiken der Community sowie ihre Genese und die Reaktionen darauf mit der Bratislava Pride. Die Oper erklärt er in einem besonders ansprechenden Essay als einen „geschützte[n] und paradiesische[n] Raum, [in dem] Schwule zumindest für eine Weile das Gefühl einer gesellschaftlichen Vorrangstellung kosten“ können. Die soziologischen Beobachtungen werden stets mit historischen Bezügen untermauert und so lernt die – falls unbedarfte – Leser*innenschaft unter anderem, dass in Prag früher die Cruising-Spots Holandas genannt wurden. Weiter teilt Maňák in diesem Kapitel „Local Tips“ zu Holandas in Prag und wie man an sie gelangt, beispielsweise, um auf einem Felsvorsprung mit Aussicht auf Moldau und Prager Dom mit Veitsdom der Fellatio zu frönen. Ebenfalls tariert der Autor aus, wie der Berliner Club Kit Kat mit seiner Aufgeschlossenheit Drogen, Sex und Kink gegenüber, als Raum göttlicher Freiheit für Schwule und Menschen, denen diese Freiheit bei Tageslicht sowie außerhalb von Darkrooms und Dancefloors solcher Etablissements verwehrt bleibt, verstanden werden kann. Das Nachwort verdeutlich abermals die inhärente politische Dimension der schwulen mitteleuropäischen Kultur sowie folglich der Betrachtungen in Mit Wittgenstein in der Schwulensauna und vollendet das Buch mit einem Appell und Zuversicht.

Mit Wittgenstein, Baudrillard, Foucault und Bourdieu in der Schwulensauna

Die Sprache Maňáks ist anspruchsvoll ob ihrer akademischen Dichte. Dennoch führt der Autor sicher mit Halt gebenden Zwischenüberschriften durch seine soziologischen Reportagen. Auf die Kreativität der Metaphern muss man sich einlassen, darf sie jedoch allemal als scharfsinnig anerkennen. Der Autor stellt mehrfach in Frage, ob sein Zugang zu den Themen der Texte unangebracht sei, wenn er beispielsweise „einen kultivierten Text“ über Opern als „,höchste Kunstform‘“ mit einer Referenz zum Film Pretty Woman beginnen lässt, nur um es dennoch zu tun. Dann doch bitte von dieser Zaghaftigkeit absehen und es ganz wie in einem Text, der in der Wiener Schwulensauna Kaiserbründl spielt, handhaben: Er sinniert, ob ihm die Ernsthaftigkeit flöten geht, wenn er Wittgenstein, Baudrillard, Foucault und Bourdieu in die Schwulensauna einschreibt, nur um dann klarzustellen, dass er das bewusst tut, denn: „Das Thema würde ohne sie allzu vulgär wirken, und so lege ich ihm ihren Intellekt unter wie ein Kissen, damit mir die hölzerne Saunabank nicht in den Rücken drückt. Oder eine Erektion von irgendwem.“

Innen hui, außen hui

Abschließend muss auch für den Verlag Karl Rauch eine Lanze gebrochen werden, da er immer wieder mit der Gestaltung seiner Bücher besticht. Sei es die, für den Verlag charakteristische, haptische raue Oberfläche, mit der unter anderem die Romane von Mattia Insolia oder Benoit d’Halluin aufbereitet sind, oder, wie bei Maňáks Buch, das ebenfalls ohne Schutzumschlag auskommt, der spürbare Klappentext auf der Rückseite. Auch hier entsteht eine besondere Haptik, wenn man mit den Fingern über die Worte streicht, die das Leseerlebnis subtil, aber effektvoll vollenden.

Wer sich besonders am Cover von Mit Wittgenstein in der Schwulensauna erfreut, dem ist unbedingt das Fotobuch von Michalis Goumas zu empfehlen, in dem 125 Werke des Künstlers aus seiner Reihe Summer Rennaisance, aus der auch das Titelbild stammt, versammelt sind.

von Michaela Minder

Vratislav Maňák
Mit Wittgenstein in der Schwulensauna
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
Karl Rauch 2026
192 Seiten
26,00 Euro
ISBN  978-3-7920-0243-8

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