Dara Brexendorf – Paradise Beach
Dara Brexendorf – Paradise Beach

Dara Brexendorf – Paradise Beach

„Einen Schmerz wie ein Sommer“

Dara Brexendorfs Debütroman Paradise Beach erzählt auf lyrische Art von chronischem Schmerz und erwachsendem lesbischen Lieben.

Die 28-jährige Protagonistin Ada hat Endometriose. Sie wird im Nachgang an eine Operation zur Entfernung der Herde durch die Einnahme von Medikamenten in die künstlichen Wechseljahre versetzt. Krankgeschrieben und erschöpft durch die Heilung erlebt sie dennoch einen schlaflosen Sommer. Nachts liegt sie wach und nimmt ihre Umgebung feinhörig war. Dabei richtet sie den Blick auch inwärts und erinnert sich an den Sommer 2003, als sie vor 15 Jahren ihre erste Menstruation hatte – ein Sommer, der sich in ihren Körper einschreibt. In Rückblenden, die in die Passagen aus dem Heute überschwappen, erzählt die Autorin von Adas Verschiebungen in diesem Sommer – eine Verschiebung, die mehrdimensional ablief.

„Zuerst überprüfen sie die Konturen ihres Körpers, ob das Bild, das sie selbst von sich haben, mit der Wirklichkeit auf den Fotos übereinstimmt. Es geht damals vor allem um eine verstörende Wirklichkeit: Ob sie zu dick sind für das Bild, das von ihnen erwartet wird.“

Das titelgebende Paradise Beach ist der Kiosk an der Ostseeküste, an dem Ada und ihre Cousine Lill Stammgästinnen sind. Als junge Teenagerinnen stehen sie an der Schwelle zur Jugend, die davon überschattet wird, Frau zu werden und zu sein. Girlhood in den 2000ern ist geprägt von Sexualisierung von außen sowie den Machtdemonstrationen von Männern. Sexuell anzügliche Bemerkungen vom Pommesbudenverkäufer oder die Kommentare eines Mitschülers machen den Mädchen unmissverständlich klar, dass sie stets wahrgenommen werden, dass sie für alles bewertet werden und an welchen vermeintlichen Idealen sie gemessen werden. Szenen wie, die Weitergabe eines vermeintlichen Tipps aus der Bravo Girl, welches Kleidungsstück sich besonders gut zum Kaschieren eigne oder das Nachlesen, in welcher Pose der Bauch am flachsten aussähe, zeugen von dem Male Gaze, seiner Härte und dessen Unausweichlichkeit. Den eigenen Körper zu perfektionieren, wird zum Versuch sich davor zu schützen.

Um den eigenen Körper zu perfektionieren, muss er kontrolliert werden und diese Kontrolle gerät Ada mit ihrer ersten Menstruation außer Hand: „Die Menstruation war etwas, das ihr passiert war. Das über sie gekommen war. Sie hatte es hinnehmen müssen. Das Ziehen, den Schwindel, die Übelkeit, das Fieber. Sie dachte, es gehöre dazu.“ Adas Umfeld signalisiert ihr unerbittlich: „Da unten Schmerzen zu haben, sei keine Krankheit.“ Auch hier nimmt sie das an und legt es sich genauso unerbittlich selbst auf: „Stell dich nicht so an“, versucht die (sich anbahnende) Menstruation zu ignorieren, lernt ihren Körper auszuschalten. Eindrücklich beschreibt Brexendorf die Unsicherheit, das Schweigen und die Selbstgeißelung, die Adas Menstruation bestimmen: „Vielleicht hat sie geglaubt, dass alle anderen besser darin sind, im Aushalten, vielleicht hat sie darin sogar einen Wettbewerb gesehen, im Aushalten, und deshalb nichts gesagt, zu Lill nicht, zu Elja nicht, ist irgendwann verstummt.“

„Zu groß ist der Widerspruch zwischen dem diffusen Wunsch danach, eine Frau werden zu wollen, und dem Körper, der nicht dafür gemacht zu sein scheint.“

Dara Brexendorf gibt mit Paradise Beach Endometriose literarischen Raum – ähnlich wie auch Erdbeeren und Zigarettenqualm von Madeline Docherty.  Brexendorf nimmt die Sprachlosigkeit, unter der Betroffene wie Ada leiden und gibt der chronischen Erkrankung Worte. Worte die tief treffen, weil sie so passend genau das ausdrücken, was es heißt, „kaum eine positive Erinnerung an die Menstruation gehabt zu haben, obwohl das Organ vor ihren Augen alles versucht hat und nicht anders konnte, als angestrengt gegen sich selbst zu arbeiten“. Sie beschreibt die jahrelange Odyssee einer Diagnostik sowie das eigene und externe Medical Gaslighting: „Ein stechendes Gefühl eines Fremdkörpers, das jedes Jahr größer wird, das Warten und die Angst vor dem Schmerz, für den sie nie die richtigen Worte findet, weil er sich ständig verändert und auf dem Stuhl der Gynäkologie plötzlich klein wird.“ Die Autorin zeigt, wie einschneidend das Leben mit chronischem Leiden ist: „Damals setzt eine neue Zeitrechnung ein, in der sie beginnt, die Tage zu zählen. Sie teilt den Monat in Abschnitte ein, die guten, die aushaltbaren und die, in denen sich ihr Körper selbst zerschneidet.“ und in welchen Verlusten das gipfelt. Soziale Verluste, die sich durch Isolation ausdrücken: „Kein Teil des Sommers zu sein, ist ein einsames Gefühl“ und Verluste einer Zukunft, einer Wahl: Sie fragt sich, ob sie Kinder bekommen wird, oder nicht, „[…] ob sie behaupten wird, sich das selbst ausgesucht zu haben, um keine mitleidigen Blicke zu empfangen, insgeheim froh, dass ihr Körper eine Entscheidung getroffen hat und nicht sie, weil sie nicht bereit ist, darüber zu entscheiden“.

„Damals versteht sie die Verschiebung nicht, versteht nicht, was mit ihrem Körper passiert und was er ihr sagt, weil sie noch keine Worte dafür hat. Sie versteht jedoch, dass sie eine Person trifft, die einen Blick auf die Welt hat, in dem sie sich sicher fühlt.“

Paradise Beach transportiert ebenfalls eine weiter Dimension der körperlichen Verschiebung Adas: die ihres lesbischen Erwachens in jenem Sommer 2003, als sie immer mehr Zeit mit der gleichaltrigen Elja verbringt. Feinfühlig verhandelt Brexendorf das einnehmende Gefühl des ersten Verliebtseins, amplifiziert durch ein lesbisches Coming-of-Age. Das immer wieder die Nähe der anderen suchen, sich dort immer sicherer fühlen, die Abnabelung vom bisherigen Umfeld, um dieser Faszination nachzugehen, die zaghaften Träume an eine Zukunft… all das transportiert die Autorin auf eine leise wie eindrückliche Art, die sich fast lyrisch durch den Roman webt.

Paradise Beach von Dara Brexendorf zeichnet sich durch den feinen sprachlichen Stil und das erzählerische Vermögen, lesbisches Erwachen und Endometriose so eindringlich zu verhandeln, nachdrücklich aus und ist aus tiefstem Herzen zu empfehlen!

von Michaela Minder

Dara Brexendorf
Paradise Beach
Eichborn 2026
256 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-8470-0237-9

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